Blaues Feuer am Tor zur Hölle

November 2014, wir sind zum zweiten Mal auf dem Kawah Ijen, dem Schwefelvulkan auf Java. Die Apokalypse schlecht hin – aber auch eine meiner wundervollsten Erinnerungen. Im Jahr davor lernten wir Subno, einen Schwefelträger, kennen. Ob der Sprachschwierigkeiten war eine echte Unterhaltung nicht möglich. Aber wir durften ihn begleiten, auch fotografieren. Und 2014 haben wir sein Foto herum gezeigt, mit der Frage, ob er vielleicht irgendwo zu finden sei. Natürlich kam er, per Moped direkt aus seinem Dorf. Wenn sich Verblüffung und Freude in derselben Sekunde vereinen, dann tut sich plötzlich ein Fenster auf, das in seiner Emotionalität kaum zu überbieten ist. So hatten wir also unseren Begleiter für den nächsten Tag. Um 01:30 Uhr nachts geht es los, über rutschige Wege steil bergauf bis kurz unter den Kraterrand. Ich kann im Schein der Stirnlampe kaum etwas erkennen, aber der gesamte Krater scheint mit Schwefelgas gefüllt. Wir beginnen den Abstieg nach unten, Subno voraus. Ganz plötzlich verändert sich was. Zuerst riecht man es nur, dann erst erkennt das Auge die Situation. Die gelbe Wolke, dieses Höllenprodukt, hat uns vollends eingehüllt. Wir haben diesmal Atemschutzmasken mit. Subno hat nur ein feuchtes Tuch, das er sich vor die Nase hält. Aber er ist es, der mir die Hand reicht, mir deutet, alles sei ok. Das Gefühl der Beschämung kommt erst danach, im Moment beschäftigt mich meine Angst zu sehr. Die Atemschutzmasken nehmen zwar den beißenden Geruch, erschweren aber in der Anstrengung das Atmen. Beklemmung macht sich breit, aber wir steigen trotzdem weiter ab. Wir hören das Grollen und Pfeifen der austretenden Schwefelgase. Die Geräusche werden lauter und plötzlich taucht es auf, das blaues Licht. Blaue Flammen, die aus den senffarbigen Schwefelgasen hervortreten. Die über 100 Grad heißen Gase reagieren beim Austreten aus der Erde mit dem Sauerstoff der Luft und verbrennen mit bläulicher Flamme. Flüssiger, blau verbrennender Schwefel rinnt den Berg hinunter. Um zu fotografieren, müssen wir nahe heran. Die Schwefelgase wabern uns bedrohlich entgegen, immer wieder wirbelt ein kleiner Luftzug die Wolken umher und wir müssen zurücktreten, bis sich die Lage wieder etwas beruhigt. Fotografieren ist schwierig und anstrengend, fokussieren kaum möglich. Alles muss manuell gehen und vor allem schnell - Gasmaske, Stirnlampe, Brille, Stativ, Fernauslöser und immer die Gaswolken im Blickfeld. Das Zischen des Gasaustrittes ist gespenstisch, das diffuse blaue Licht scheint sich in dieser wabernden Wolke immerfort zu verändern.

Während wir fotografieren füllt Subno seinen Tragekorb mit rund 70 kg Schwefelplatten. Mit nur flachem Atem und pulsierendem Herzschlag geht es wieder nach oben zum Kraterrand. Subno lächelt mich an und hält den Daumen nach oben - und er meint meine Leistung damit. Ich deute zurück, wie unglaublich stark er sei und hinter meinem Lächeln verbirgt sich gleichermaßen Rührung wie Beschämung.

© Elke Fürpaß