Das Achtsamkeits-Ei

Ich bin ja nicht nur Reisende, sondern auch seit über 20 Jahren als Osteopathin tätig und erlebe dabei immer wieder auch sehr lustige Geschichten. Diese nun ordne ich aber eher unter „erfahrungsreich“ ein.

Schon aus dem ersten Telefongespräch erfahre ich, dass meine Patientin eine schwere psychische Krise hinter sich hat oder vielleicht auch noch mitten drin steckt. Bei unserem ersten Termin möchte ich ihr an der Garderobe beim Aufhängen der Jacke behilflich sein und bemerke, dass sie etwas in ihrer linken Hand hält, was sie nicht loslassen möchte und das das Auskleiden ziemlich umständlich macht. Als sie das Ding dann in die andere Hand nimmt, um aus dem Jackenärmel zu schlüpfen, sehe ich, was es ist. Ein Ei – kein bunt bemaltes, sondern ein rohes, wie sie mir erklärt. Ich denke zuerst ernsthaft, sie möchte mir ein vorgezogenes Ostergeschenk machen. Doch die Patientin klärt mich auf, dass dies ihr Achtsamkeits-Ei sei. Ich nicke wissend, obwohl ich in diesem Moment noch rein gar nichts verstehe. Meine Verwunderung ist so groß, dass ich mir keinerlei emotionale Regung gestattete. Meine therapeutischen Sensoren sind äußerst wachsam und mein Unterbewusstsein mahnt mich zur Vorsicht. Nichts liegt mir mehr fern, als instabile Persönlichkeiten durch meine Behandlung noch mehr aus dem Gleichgewicht zu bringen. Auf der Therapieliege sind wir nun beide ständig damit beschäftigt, dieses rohe Ei, das immer wieder von der einen in die andere Hand wandert, nur ja keiner kritischen Situation auszusetzen. Nicht auszudenken, wenn es während meiner Behandlung zu Bruch gehen würde. Mit der Zeit allerdings begreife ich, was es damit auf sich hat. Es geht darum, im Hier und Jetzt zu bleiben, nicht abzutauchen, nicht weg zu driften. Und auch ich bin so was von im Hier und Jetzt. Wenn ich sonst beinahe gedankenlos meine Patienten bitte, sich mal auf die eine, dann auf die andere Seite zu drehen, ich mal da, mal dort drücke und ziehe, tue ich das diesmal mit dermaßen großer Sorgfalt, dass ich mich des Gedankens nicht erwehren kann, in den andern Fällen mit roher Gewalt zu Werke zu gehen. Obwohl, wem osteopathische Arbeit vertraut ist, der weiß, dass wir alles anders als brutal in unserem Tun sind. Aber ja, die Konzentration auf die Unversehrtheit dieses Eis hat alles verändert.

Das nächste Mal kommt die Patientin ohne Ei. Auf meine Frage, wo es denn sei, antwortet sie mir, es sei zu Bruch gegangen. Sie fühle sich aber recht wohl und auch die letzte Therapie hätte ihr gut getan. Und so meine ich wohl, das Ei hätte seine Schuldigkeit getan. Die Patientin ist in punkto Stabilität ihrem Ziel ein Stück näher gekommen und mein noch sensibleres Arbeiten hat vielleicht einen Teil dazu beigetragen. In Gedanken atme ich erleichtert aus. Ostern mit harten, bunten Eiern kann also kommen. Vielleicht aber sollte ich in das eine oder andere Osternest ein rohes Ei mit Gebrauchsanweisung legen – ein durchaus interessanter Gedanke.

© Elke Fürpaß