Der umgedrehte Riese

Und da packte der Teufel aus Wut den Baumriesen an seinem Stamm, riss ihn aus der Erde und rammte ihn wieder verkehrtherum in den Boden! Ja, so war das einst irgendwo in Ostafrika. Und deshalb sehen seither die Baobab-Bäume auch so aus - so verkehrt herum eben. Das halbe Jahr über, wenn die Bäume keine Blätter tragen, ragen nämlich ihre knorrigen Äste wie Wurzeln gen Himmel. Eigentlich wollte Gott in seiner letzten Phase der Schöpfung ja etwas wirklich Nutzbringendes schaffen, den Affenbrotbaum nämlich. Doch der Teufel war wütend und vereitelte Gottes Plan.

Aber wirklich Gutes kann man nicht schlecht machen, das ist das Wunderbare an der Natur. Und diese Bäume sind auch so herum einfach nur grandios. Das andere halbe Jahr nämlich, wenn die Natur ihnen wieder Blätter wachsen lässt, sind sie mit ihren gewaltigen Kronen großartige Schattenspender. Ihre Früchte sind wahres Superfood. Heilen Krankheiten, speichern Wasser, liefern wertvolles Öl und vieles mehr. Affenbrotbäume sind mächtig, dick und irgendwie was ganz Besonderes. Sie prägen eigentlich das Bild Afrikas, dort gehören sie hin. Aber die Natur zeigt manchmal ihre Spielarten und so findet sich im Süden des Oman ein kleiner Baobab-Wald. Durch den ich spazieren darf….

Früh morgens zieht es mich schon aus dem Bett. Unser Truck steht auf einer perfekten Anhöhe mit Blick über das Tal. Wälder üben eine ganz besondere Faszination auf mich aus. Vor allem dann, wenn sie eben erst erwachen. Die Luft ist klar, noch nicht aufgeheizt von der Mittagsglut, die Vogelwelt zeigt sich von ihrer melodisch schönsten Seite, fast erscheint es mir wie eine Begrüßung. Ich weiß, dass nichts hier mir persönlich gilt, doch es fühlt sich so an. Wie eine unausgesprochene Einladung zu bleiben. Über raue Steine und verschlungene Wurzeln kraxle ich einen Hang nach oben, die riesigen dicken Stämme vor mir. An einem der ersten Baumriesen bleibe ich stehen, lege meine Arme um ihn und muss schmunzeln. Er ist so riesig, ich so klein! Ich habe gelesen, dass Bäume untereinander kommunizieren, ihre Botenstoffe aussenden und sich innerhalb des Waldes vernetzen. Und ich bin jetzt irgendwie Teil dieses Netzes, spüre so etwas wie Geborgenheit. Die Rinde des Baobab-Baumes hat nicht nur heilende Wirkung, sie ist auch besonders glatt und geradezu geschmeidig. Eine wahre Freude, sich daran anzuschmiegen. Ich habe keinen animistischen Glaubenshintergrund, aber trotzdem, wenn ich irgendwo spüre, dass der Natur Geist inne wohnt, dann ist es hier - an diesen großen, alten Bäumen.

Die Baobabs erinnern mich an alte Eichen bei uns zu Hause. Wie wahre Riesen, wie wunderbare Helden stehen sie da. Man trifft sich dort, man verliebt sich dort, man schüttet ihnen sein Herz aus, man berührt sie, man lässt sich von ihnen berühren!

© Elke Fürpaß