Die Wand

Ich sitze alleine in unserem Reisemobil und es regnet in Strömen. Die Grenze zwischen Himmel und Meer verschwindet immer wieder über Stunden völlig, löst sich auf im Grau der Unkenntlichkeit. In manchen Momenten wirkt es bedrohlich. Die Elemente ließen eine undurchdringabare Wand entstehen. Ich kann nur erahnen, was sich dort in der Ferne abspielt. Die graue Wand macht die Realität für mich noch deutlicher spürbar. Ich weiß, da hinten gibt es eine Welt, die nicht für mich bestimmt ist. Sie hat mich nichts anzugehen, ist Feindesland. Nur dass man mich zum Feind erklärt hat. Vielleicht bin ich zu mächtig, zu gefährlich. Ich weiß es nicht. Niemand sagt es mir. Was bleibt, ist diese Wand aus Steinen, doch die sehe ich gar nicht mehr. Das Grau hat sie verschluckt.

Es gibt eine Grenze, die ich nicht überschreiten darf – die Staatsgrenze zur Mönchsrepublik Athos. Frauen unerwünscht, auch keine weiblichen Tiere haben dort Zutritt. Angeblich verfügen nur Hühner über eine Ausnahmegenehmigung, weil Eidotter für das Schreiben der Ikonen von Bedeutung wäre. Welch eine eigenartige Welt hier im Herzen Europas, in der Wiege unserer Kultur – in Griechenland. Ich stehe fest in unserer kulturellen Heimat und bin doch ausgeschlossen.

Es ist ein verdammt eigenartiges Gefühl, zu wissen, dass es dort drüben, auf diesem östlichsten Finger der Insel Chalkidiki, noch eine andere Welt gibt. Eine, die unserem gregorianischen Kalender um 13 Tage hinterherhinkt, mit einer Uhrzeit, die sich alle vier Tage verschiebt, weil auch der Sonnenuntergang sich verschiebt. Mir kommt diese graue Wand vor meinem Fenster vor wie ein Wurmloch in eine andere Galaxie, eine reine Männergalaxie. Rund 20 Klöster und drei Dörfer, verbunden über verschlungene Wege in schroffem Gelände, unter der Schutzmacht Griechenlands. Vielleicht ist es so, ich weiß es ja nicht genau. Und wer weiß, was man uns hier draußen denn so wissen lassen möchte, uns andere Wesen, uns nicht orthodoxe, und vor allem uns Frauen.

Doch ich habe Glück, einer anderen Galaxie zu entspringen, einer, in der ich wie die Hühner auf Athos eine Existenzberechtigung besitze. Und noch darüber hinaus …. Ich habe meinen Abgesandten in diese fremde Welt geschickt, um mir daraus zu berichten. Und ich hoffe sehr, Christian nach drei Tagen wieder so zurück zu bekommen, wie ich ihn heute Morgen verabschiedet habe. Er wird mir berichten, wird mich wissen lassen, wie diese fremde Welt dort tickt, wird mich nicht ausgrenzen. Morgen werde ich es wissen!

Neben all den durchaus berechtigten Diskussionen über Emanzipation und fehlende Gleichberechtigung, singe ich dennoch ein Loblied auf unsere Gesellschaft. Verbesserungspotential mag es auch bei uns vielerorts geben, geschlechtsspezifische staatliche Ausgrenzung bleibt auf jeden Fall ein Nogo! Also rühre ich allen Ressentiments zum Trotz in meinem köstlichen kalten Kaffee, der laut meiner Oma ja noch schöner (!) macht, und erfreue mich meiner Weiblichkeit.

© Elke Fürpaß