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Ein Shangri-La in Zeiten Covid-19

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Ein Shangri-La in Zeiten Covid-19 | story.one

Ich erlebe die letzten 19 Tage so gehetzt wie schon lange nicht mehr, ein bisschen wie auf der Flucht. Grenzen schließen sich hinter wie vor uns – und wir schaffen es immer gerade noch, weiter zu kommen. Oft anders, als geplant, aber immerhin der Heimat ein Stück näher. Alles zehrt unglaublich an den Nerven. Unsere geplante Weltreise findet ein viel zu abruptes Ende, wir wollen nur noch heim. Die Gefühlsblase, in der ich schwebe, ist so dicht, so verwirrend, dass Orientierung im Moment schwer möglich ist. So geht es Vielen, ich weiß, und so versuche ich durch irgendetwas Ruhe in meinen Kopf zu bringen. Ich scrolle durch alte Reiseerinnerungen, dorthin, wo ich andere Gefühle finde. Und da bleibe ich bei eben diesem Foto hängen….

Es gibt Momente, da scheint die Zeit für einen winzigen Moment still zu stehen. Manchmal sind das angstvolle Momente, manchmal sind wir von der Mächtigkeit der Natur überwältigt. Und manchmal, so wie in diesem Fall – ich weiß es noch genau – haben sich Vergangenheit und Gegenwart in diesem Augenblick vereinigt und mir spürbar Ruhe vermittelt. Ich wohne einer Messe in einer kleinen Kirche bei. Auf irgendeiner der 1800 Inseln in Raja Ampat, ganz im Osten Indonesiens. Im Reich der Vier Könige - gute 50 Stunden Flug- und Schiffsstunden von zu Hause entfernt. Schon durchs kleine Kirchenfenster sehe ich, wie sich diese Frau der Kirche nähert, am Rücken im Tragetuch das kleine Kind. Ob es ihr Enkelkind ist oder ob noch eine Generation mehr dazwischen liegt, das weiß ich nicht. Meine Aufmerksamkeit war nun ganz bei diesen beiden Menschen. Vergänglichkeit und junges Leben so nahe bei einander – der Tod und das Leben, ewige Partner. Die Neugierde des kleinen Mädchens und die in sich ruhende Gelassenheit der alten Frau faszinierten mich lange. Jede Falte im Gesicht der Frau gibt Zeugnis einer schon langen Geschichte. Raja Ampat ist ein Paradies für Taucher und Naturliebhaber. Ob auch sie, die alte Frau, ihr Shangri-La hier gefunden hat? Sicher wird es ihr letzter Rückzugsort bleiben. Auf ihrer Zeitachse ist der größte Teil schon aufgebraucht. Das kleine Mädchen hat sein Leben noch vor sich, seine Geschichten sind noch nicht geschrieben. Die Frau setzte sich ganz vorne in eine Reihe und hielt den Kopf gesenkt. Ihr Gesicht konnte ich dann nicht mehr sehen und das kleine Mädchen schien ihren Körper noch mehr in die Sicherheit ihres Tragetuches fallen zu lassen, schlief vielleicht sogar. Ein Bild der Ruhe, an das ich mich gerne erinnere. Besonders jetzt, da die Zeit wie in einem Karussell immer schneller für uns zu laufen scheint und ich nicht weiß, ob ich mein Shangri-La, im Herzen Österreichs, wonach ich mich jetzt so sehr sehne, erreichen kann. Doch ich weiß, das Leben ist nicht gut oder schlecht, nicht traurig oder freudvoll - das Leben IST. Mit allem, was dazu gehört. Auch jetzt in diesen Tagen….

© Elke Fürpaß 15.03.2020

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