Fasching - ein Befreiungsschlag

Barranquilla in Kolumbien wird im Volksmund silbenverdreht „die Schöne“ genannt, ist in Wahrheit aber keine schöne Stadt. Es ist die Lebenslust der Menschen, die nur die Gegenwart kennt, die den Reiz dieser Stadt auszumachen scheint. Die Stadt ist staubig, ja dreckig und heruntergekommen. Auch wir wären nicht dort, gäbe es nicht den Karneval. Und eines ist schon jetzt, einen Tag davor, spürbar, es liegt freudige Nervosität in der Luft.

Am nächsten Tag fahren mit dem Taxi ganz an den Beginn der 4km langen Parademeile, kämpfen uns zwischen unzähligen Menschen nach vorne an die Absperrung und sind plötzlich drinnen, mitten auf der Promenadenstraße selbst. Pünktlich um 13.00 Uhr beginnt das Spektakel. Fliegende Händler bringen andauernd Bier, Wasser und Essen vorbei, und die Kolumbianer gehen damit nicht sparsam um. Der Lärm ist ohrenbetäubend, das Treiben wird immer bunter und die Menge klatscht und wippt zu Salsa- und Merengue-Klängen. Riesige Trucks, einer aufwendiger geschmückt als der nächste, rollen an uns vorbei. Anzahl und Größe der Lautsprecherboxen konkurrieren mit jedem Großkonzert. Die Kostüme sind von skurril bis beeindruckend. Viele Frauen sind wunderschön – und sexy. Die Kleinsten werden von Betreuern mit Wasser versorgt, indem mit einer großen Spritze von Mund zu Mund gegangen wird. Schaum aus riesigen Druckflaschen wird versprüht, natürlich auch auf uns. Irgendwann bemerke ich einen Muskelkrampf in meiner Wangenmuskulatur, weil ich wahrscheinlich über eine Stunde meine hochgezogenen Mundwinkel nicht mehr locker gelassen habe. Ich bin wahrlich kein Faschingsfan, aber das hier ist etwas völlig anderes. Ich fühle mich wie in einer Klangwolke aus purer Freude. Vergesse die Dezibel, die meine Ohren sicher auf Tage hinaus beeinträchtigen, lasse mich einfach mittragen. Ich spüre die Bässe im Bauch, aber irgendwie öffnet sich dabei auch etwas in meinem Herzen. Es ist diese Echtheit, die ich wahrnehme. Karneval gehört zu diesen Menschen wie Weihnachten zu uns. Und auch das öffnet ja mein Herz.

Als kleines Kind war ich Marienkäfer, Prinzessin, Burgfräulein und Clown. Da ging das noch prächtig mit dem Verkleiden. Aber so irgendwann ab meinem 14. Lebensjahr bin ich mir total blöd vorgekommen, wenn ich mich verkleiden musste. Ein altes Smokinghemd meines Vaters, etwas Schminke und vielleicht noch eine bunte Krawatte waren das Maximum an Verkleidung, das ich mir zumutete. An dieser Befangenheit hat sich bis heute nichts geändert und daher zieht auch der Faschingdienstag immer völlig fantasielos an mir vorbei. Nicht einmal die Faschingskrapfen zählen zu meiner wirklichen Leidenschaft. Eigentlich schade, wäre so eine Verkleidung doch eine fantastische Möglichkeit endlich mal wieder die ewigen Zwänge und Zurückhaltungen über Bord zu werfen. Geradezu ein Befreiungsschlag. Die Menschen hier in Baranquilla zeigen mir das aufs Deutlichste – ihren Sieg über die Normalität und meine Befangenheit.

© Elke Fürpaß