Gauris neue Welt

Gauri ist 10 Jahre alt und ein trauriges kleines Mädchen in Colombo. Ihre Eltern kamen vor einem Monat bei einem Autounfall ums Leben. Seither hatte Gauri kein einziges Wort mehr gesprochen. Jeden Abend begleitet sie ihren Onkel, einen Küchengehilfen, zur Arbeit in ein Fünfsternerestaurant. Das Küchenpersonal gewöhnt sich rasch an das kleine stumme Mädchen. Um nicht zu stören, rollt sie sich im hintersten Eck der Küche in ihre Decke. So geht dies einige Wochen lang, bis sich plötzlich etwas verändert. Gauri sitzt aufrecht auf ihrer Bank, beobachtet und lauscht. Eines Abends klettert sie von ihrer Bank hinunter und trippelt auf leisen Sohlen tiefer in die Küche hinein. Es ist eine fremde Welt voller langer weißer Hosenbeine, die flink von einer Anrichte zu nächsten flitzen. Da gibt es ganz fremde Geräusche. Der helle Klang von Metall gegen Metall, sie sieht wie ein Schneebesen schwungvoll gegen den Schüsselrand geschlagen wird. Dann ein dumpfes klopfendes Geräusch, schnell und immer schneller. Ein unglaublich großes und offensichtlich scharfes Messer rattert nur so auf ein Brett hernieder. Gauri kann nicht glauben, dass dieses Beil dabei kein einziges Mal den Finger des Kochs berührt.

Bald trippelt Gauri schon beinahe jeden Abend zwischen den langen weißen Hosenbeinen hin und her. Schier unglaubliche Erfahrungen macht auch ihre Nase dabei. Sie bläht ein bisschen die Nasenflügel, atmet tief ein, beleckt die Lippen mit ihrer Zunge und merkt, da ist irgendetwas, etwas Fremdes. Es fühlt sich an wie kleine Explosionen in ihrer Nase. Diese wunderbaren Düfte und Aromen hüpfen in ihrem Gehirn von Nervenzelle zu Nervenzelle. Der säuerliche Geschmack von Granatapfelkernen verbindet sich mit dem würzigen Aroma von frischen Garnelen in Ingwer. Scharfer Dijon Senf schmiegt sich sanft an süße Feigen. Rosinen und Pinienkerne schlüpften zwischen duftende Basmatireiskörner.

Am nächsten Tag, es ist kurz vor Weihnachten, lädt sie der österreichische Küchenchef ganz offiziell in die Küche ein. Der Onkel schenkt ihr ein weißes Kleid mit einer Blumenkrone für den Kopf. „Komm mit mein Engel“, ermutigt er seine Nichte. Gauri taucht ihren kleinen Finger in eine rote Sauce. Sie ist rot wie Erdbeere, aber doch völlig anders, weil Erdbeere würde sie ja kennen. Fragend schaut sie nach oben. „Ja meine Kleine“, grummelt der Chef de Patisserie, „da ist Sezuanpfeffer drin“. Dann kostet sie eine fast flüssige Polenta. Sie ist so weich, dass sich Gauri damit über die Wange streicht, als ob sie sich eincremen wollte. So wie das früher ihre Mama tat. In ihrer Seele öffnet sich plötzlich ein neues Fenster in eine bislang fremde Welt und dieses tapfere Mädchen steigt hindurch, lässt sich hinein saugen und verschmilzt mit all den Düften, Aromen, Texturen und Gewürzen. "Du bist für heute Abend unser Glücksbringer", sagt der Küchenchef. Gauri sieht dankbar zu ihrem Onkel und lächelt das erste Mal seit jenem schrecklichen Ereignis.

© Elke Fürpaß