Heimweh

Ich bin fast das halbe Jahr quer über den Globus unterwegs, genieße das Privileg, reisen zu dürfen. Ich sehe mich selbst dabei irgendwie als „Weltensammlerin“ und bin dankbar für all diese Erfahrungen. Mit jeder Reise öffnet sich für mich ein weiteres Fenster hinaus in diese faszinierende Welt da draußen. Je mehr ich gesehen und erlebt habe, desto klarer ist mir auch geworden, wie oberflächlich doch unser Blick in diese fremden Länder und Kulturen immer bleiben wird. Ohne die Sprache der Menschen sprechen zu können, bleibt tieferes Verständnis zwangsläufig aus. Immer ist es letztlich nur ein kleiner Spalt, den sich dieses Fenster öffnet, und ich möchte mir nicht anmaßen, die Menschen jener Länder, die wir bereist haben, wirklich verstehen zu können. Ich habe mir Wissen aus Büchern angeeignet, habe es in Beziehung gesetzt zu dem, was ich erleben durfte, und habe mir mein ganz eigenes Bild davon gemacht. Immer bleibt es meine Sichtweise, so wie ich sie eben nur mit meinem speziellen kulturellen Hintergrund gewinnen kann. Und ich bin davon überzeugt, dass niemand seinen kulturellen Hintergrund abstreifen kann. Alles, was wir denken, ist immer gefärbt, der Raster unserer gemachten Erfahrungen ist eben nur teilweise permeabel. So bleiben stets unzählige Fragen offen. Kulturen haben sich über Jahrtausende hinweg ausgeprägt, unmöglich sie in Wochen oder Monaten verstehen zu lernen.

Ja, und nun die Frage, ob ich manchmal Heimweh habe? Oh ja, immer wieder und auf jeder Reise mindestens einmal. Es ist aber kein wirklicher Schmerz für mich, es ist vielmehr diese große Sehnsucht nach Vertrautheit, die sich in mir breit macht. Doch ich denke, diese Sehnsucht kann man nur empfinden, wenn man das, was einem fehlt, auch liebt – also meine Freunde und meine Familie, meine Umgebung und auch all die kleinen wichtigen und unwichtigen to-does zu Hause. Mal kommt dieses Heimweh früher, mal kann es auch ganz rasch übermächtig werden. Eigentlich bin ich aber dankbar für dieses Heimweh, denn wenn ich es nicht mehr fühle, dann weiß ich, dass ich etwas verloren habe! Und nie möchte ich losgelöst von meinen Wurzeln umherziehen! Nicht die schönste Landschaft, nicht die bezauberndsten Menschen könnten dann den Schmerz lindern, den ich über diesen Verlust empfinden würde. So sagt mir ein bisschen Heimweh also nur, dass ich bereits angekommen bin, nämlich genau dort, wo ich mich zu Hause fühle. Dieses feste Band, das mich mit meiner Heimat verbindet, ist vieles zugleich: Anker und Sicherheitsleine, aber auch Leitstrahl, um mich wieder aufzumachen zu neuen Abenteuern. Ich brauche diesen Anker, um den Mut zu haben wieder aufzubrechen, nämlich mit der Sicherheit, dass das Leuchtfeuer im Heimathafen mir immer die Einfahrt weisen wird. Und wäre dies die einzige Erkenntnis, die ich aus unseren Reisen gewonnen hätte, alleine dieser Erfahrungsschatz wäre schon jeden Reisekilometer wert gewesen.

© Elke Fürpaß