Heute bin ich noch nicht mutig

„Alles ist im Fluss“, „der Weg ist das Ziel“, „nichts ist vollkommen, alles ist endlich“, „in allem steckt etwas Gutes“….. bla, bla, bla. Wunderbare Metaphern, aber nichts als leere Worthülsen, wenn nicht am Schluss was Positives dabei rauskommt. Ja, ich gebe zu, es schwingt das Gefühl des Zorns mit. Das liegt aber nur am Ärger über mich selbst, weil auch ich diesen sirenenhaften Gesängen immer wieder auf den Leim gehe. Doch damit muss irgendwann Schluss sein. Ehrlichkeit zu sich selbst ist angesagt. Wenn das nur nicht so verdammt schwierig wäre. Wann ist mein Mut groß genug, um die Büchse der Pandora zu öffnen? Man weiß schließlich nie, welche Fratzen einem dann entgegentreten. Man hat mir schon öfter vorgeworfen, ich würde alles „schön reden". Ja, vielleicht ist da was dran. Aber mal ehrlich, lebt es sich nicht leichter, wenn man auch mal 5 gerade sein lässt? Wenn man das Glas eher halb voll, als halb leer sieht? Und ist das dann Unehrlichkeit? Ist es nicht vielmehr eine Entscheidung für eine bestimmte Lebensphilosophie, die man für sich gewählt hat? Ich behaupte ja gar nicht, dass dies der Weisheit letzter Schluss sei. Aber ich wage den Gedanken, dass in diesem Sinne ein bisschen Unehrlichkeit erlaubt sei. Sie ermöglicht uns, weiter zu machen, wo wir gerade stehen. Und vielleicht ist das der Beginn einer neuen Erfolgsgeschichte. Wir haben schließlich nicht die Möglichkeit, auch nur einen einzigen Tag zweimal zu leben. Im Rückspiegel der Zeit erscheint uns manches klarer. Aber wie sollen wir davor immer die richtigen Entscheidungen treffen? Es bleibt immer beim Versuch. Und so sehr ich mich manchmal auch selbst schelte, mich zu mehr Offenheit zwinge, komme ich dennoch zu dem Schluss, die Freuden der Vergangenheit nicht dadurch schmälern zu wollen, dass ich nicht immer ganz ehrlich zu mir war.

Dennoch befinde ich mich plötzlich in einer Situation, in der sich die Sigel jener magischen Büchse zu öffnen begonnen haben. Mein Kokon der Glückseligkeit hat Sprünge bekommen, beginnt sich wie eine Zwiebel zu häuten, Schicht für Schicht. Nein, in bin in keiner Therapiestunde – ich bin lediglich auf Reisen und habe Zeit zum Nachdenken, das ist alles! Neben all den wunderbaren Erlebnissen auf Reisen, sind es oft die stillen Momente, die es so wertvoll machen. In der Ödnis der ereignislosen Stunden kommt man sich unweigerlich ganz nahe. Wie ein Sandsturm wälzt sich eine Flut an Gedanken auf mich zu und ich bin mittendrin im aufgewühlten Meer der Emotionen. Doch solange ich das letzte Sigel nicht öffne, passiert gar nichts. Die Tür bleibt verschlossen. Es heißt, wenn man diesen letzten Schritt wagt, läge alles wie ein offenes Buch vor einem. Wie ein gedeckter Tisch voller Gaben – guter und schlechter. Die Ehrlichkeit bestünde dann darin, zu kosten. „Sei mutig“, sagt eine leise Stimme im Hinterkopf, und „es gibt keine Fratzen, nur das Leben in all seinen Farben“. Das mag ja so sein, aber heute noch nicht. Heute bin ich noch nicht mutig.

© Elke Fürpaß