Kubanische Tagträume

Ich sitze auf unserer Dachterrasse, schließe die Augen und versuche Kuba in mich aufzunehmen. Kuba kann man nicht so gut „riechen“ wie beispielsweise Indien. Hier gibt es wenig typische Gerüche, aber man kann diese Insel gut „hören“. „Olà, Stefan“, höre ich eine laute Stimme rufen. Gleich darauf kommt eine Antwort, ein Geschwader von Worten poltert nur so daher, eine Frauenstimme gesellt sich dazu. Die Geschwindigkeit der Lautverbindungen aus ihrem Mund ist einem Düsenjet gleich, dann wieder unbändiges Lachen, Fröhlichkeit im Dreierpack. Die Gruppe entfernt sich anscheinend und ich höre wieder das Geklapper von Pferdehufen auf dem Kopfsteinpflaster. Und natürlich immer wieder das blecherne Geschepper, wenn einer der alten Straßenkreuzer vorbeirollt, begleitet vom unverkennbaren Auspuffsound eines Zwölfzylinders.

Und so wird es nie leise, hier auf meiner Dachterrasse. Eine Etage tiefer, sitzt ein junger Kubaner auf dem Fenstersims. Aus seiner Wohnung schallt nicht ganz rauschfrei der typische Karibiksound. Mi corazón ist alles, was ich verstehen kann. Aber das reicht ja für ein Leben, es hört sich fabelhaft an.

Ich werde ein ganz spezielles Bild von diesem Land behalten. Etwas hat sich ganz stark in mein Gedächtnis eingeprägt – das Straßenbild. Nicht die kolonialen Häuserfronten an sich, sondern das, was sich dazwischen abspielt und wie es sich abspielt. Es ist die vielfältigste Melange an unterschiedlichen Menschen und Gefährten, die ich je erlebt habe. Die ethnische Vielfalt auf Kubas Straßen ist das Ergebnis der Geschichte dieses Landes. Latino-afrikanische Mischlinge vermischten sich mit den Ethnien aus der Kolonialzeit und schufen dieses kubanische Potpourri. Kuba fühlt sich leicht und gut an. Dafür sorgt schon der entspannte Gleichmut der Kubaner – „tranquillo“ lautet ihr Credo.

Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was eine Invasion ausländischer Großbetriebe für dieses Land bedeuten wird, möchte lieber daran glauben, dass sie sich ihre sozialistischen Werte erhalten könnten – viva la Revolucion. Es wird so aber nicht funktionieren – leider - tut es ja nirgendwo. Heute sind die heroischen Eroberer die Großkonzerne, gefräßig und ohne jegliche Sättigung. Und auch der überschäumende Tourismus tut der Insel nicht gut. Dinge verteuern sich zwangsläufig, wenn die Nachfrage steigt, und werden für den ärmeren Durchschnittsbewohner völlig unerschwinglich. Das vergiftet das soziale Gefüge in einem Land.

Doch noch höre ich die Klänge des Son, sehe schwingende Hüften, kesse Kubanerinnen und fröhliche Gesichter. Ich sehe in ihrer Improvisationskunst eine Gabe, spüre ihren unerschütterlichen Mut. Ich wünsche den Kubanern, dass sie es in Zukunft leichter haben mögen, wünsche ihnen, dass die Geschwindigkeit der Veränderung sie nicht überrollt. Ich hoffe, dass die Fata Morgana eines ausnahmslos glorreichen Kapitalismus ihnen den Blick für das Wesentliche nicht verstellen möge.

© Elke Fürpaß