Magst du Indien?

Wir fahren auf einem Streifen nagelneuen Asphalts. Zu beiden Seiten kilometerlang unzählige Marmorfabriken. Reichtum für einige wenige. Aus dem Nichts tauchen protzige Privatdomizile auf und man fragt sich wozu in dieser scheinbar trostlosen Gegend. Unser Fahrer klärt uns auf: „Hier ist ein bedeutender Hindutempel“. Tröstlicher könnte es wohl nicht sein. Um hierher zu ziehen und Vishnu seine Ehre zu erweisen, ist gläubigen Hindus kein Opfer zu groß. Etwas weiter, das unvergessliche Udaipur am malerischen Pichola-See. Die weiß gestrichenen Havelis mit ihren vielen Türmen malen zauberhafte Spiegelbilder ins Wasser. Ungeachtet der Fülle an Informationen, die unsere Gehirne überfordert, rasen die Bilder vor unseren Augen rücksichtslos dahin. Manches bleibt dabei immer gleich in diesem Land: Kühe auf den Straßen und die wunderschönen Farben der Saris. Ein bisschen sieht es so aus, als ob die Frauen in ihren bunten Gewändern schweben würden. Im selben Atemzug inhalieren wir die allgegenwärtige Armut. "Please, madam, 10 rupies... 5 rupies " - das sind 2 Cent und vielleicht beruhigt es das Gewissen. Indien rettet man damit sicher nicht.

Zurück in Old Delhi, am Chandni Chowk, der einstigen Prachtstraße zum Roten Fort. Ein Hexenkessel der Gefühle, den man schwer beschreiben kann, wenn man ihn nicht erlebt hat, nicht die Gerüche gerochen und die Geräusche gehört hat. Wir bemühen uns in keinem der tiefen Löcher zu verschwinden, die sich wie aus dem Nichts auftun, steigen über schlafende Hunde und Menschen und versuchen mit dem Kopf an keines der tiefhängenden Elektrokabel zu stoßen. Der Chandni Chwok erwacht. Menschen, die unter schmutzigen Decken, hinter Stromgeneratoren, unter Brücken oder einfach auf Kartons an einer Mauer die Nacht verbracht haben, kriechen nun hervor, waschen sich, so gut es geht am nächsten Hydranten. Niemand nimmt Notiz davon. Andere sind offenbar besser dran und besitzen eine Fahrradrikscha, auf der sie die Nacht verbringen konnten. Die Notdurft wird an der nächsten Ecke verrichtet. Überall riecht es nach Urin, Müll ist allgegenwärtig.

Bald ist die Straße voller Betriebsamkeit und Händler versuchen ihr Geschäft zu machen. Es riecht ganz wunderbar nach Chai, Chicken butter masala und nach Naan Brot. Wir finden Platz auf einem leeren Handkarren, gleich neben dem Teekoch und wollen eine Pause für unsere Sinne einlegen. Doch es gelingt nicht. Neben uns lehnt ein „ambulanter Friseur“ an der Hauswand und rasiert einem Kunden den Bart. Wir sprechen in diesen Momenten wenig mit einander, zu sehr haben sich die Gedanken im Kopf verdichtet.

Nun also zurück zur Eingangsfrage. Man kann kein ganzes Dominospiel in eine Zündholzschachtel verpacken und Indien ist zu groß für eine einfache Antwort. Doch eines steht fest, dieses Land macht meine „Weltensammlung“ ein großes Stück reicher - an Bildern in meinem Kopf und an Gefühlen in meinem Herzen. Ja, ich mag dieses „incredible India“.

© Elke Fürpaß