Mein Nepal

Kathmandu - lauter, staubiger Moloch. Wiege großer Erwartungen all derer, die sich bald aufmachen werden und Garten der Erleichterung für jene, die es schon geschafft haben. Ich gehöre mal zu den einen, mal zu den anderen, und immer ist es einzigartig. Eine Stadt wie das ungestüme Geäst Jahrhunderte alter Bäume, ungeordnet, wild und doch funktionsfähig – irgendwie halt.

Später dann, zwischen 4000 und 6000 Meter Höhe, eine Welt, die nicht für uns gedacht ist. Die Landschaft ist gleichermaßen rau wie schön. Umgeben von matten Brauntönen, umrahmt von weißen Gipfeln, der spärliche Regen gibt dem Grün hier oben keine Chance. Erst später wieder auf unserer Reise wandern wir durch fruchtbare Täler, vorbei an Reisterrassen und Rhododendren so groß wie Bäume, bizarr, fast beängstigend schön. Wie beeindruckend muss es hier erst im Frühjahr sein, wenn die Natur wieder Energie für ihr kräftiges Farbenspiel hat. Eine ganz unglaubliche Landschaft hüllt uns ein.

Und dennoch, die harte Arbeit der Menschen ist allgegenwärtig. All die einfachen Gehöfte, die wir passieren, sind stille Zeugen. Ob das auch die Menschen hart macht? Ich weiß es nicht, verstehe sie und ihre Kultur nur sehr schwer. Es wird wenig geheizt, gibt kaum warmes Wasser, unvorstellbar schwierige Transportwege, alles erscheint mir hier mühsam. So oft frage ich mich, wie man das auf Dauer aushalten kann? Sie müssen es, die Menschen hier in Nepal, können sich diese, meine Frage nicht stellen. Entbehrungen haben auch wir so einige erlebt. Aber was ist das schon, wenn man aus freien Stücken für kurze Zeit seine Komfortzone verlässt. Eigentlich ist es nichts. Und doch verändert es jedes Mal aufs Neue ein Stück die Sicht auf die Dinge zu Hause.

Die Höhe verlangt mir alles ab, lässt mich Grenzen spüren und bringt mich mir ganz nahe. Später werde ich dafür Dankbarkeit empfinden. Jetzt noch nicht. Die Freundlichkeit der Menschen zaubert mir aber jetzt schon ein Lächeln trotz der Anstrengung ins Gesicht. Ihre Genügsamkeit lässt Demut aufkommen und ich befinde mich in einem Kaleidoskop der Gefühle. Nichts von dem was man erlebt, bleibt ohne Resonanz. Wir wandern durch dieses faszinierende Land, meist viele Stunden am Stück. Manchmal ist es so anstrengend, dass ich mich nur auf meine Schritte konzentriere, und manchmal geht es leichter und ich sauge die Landschaft auf, inhaliere die wechselnden Bilder. Manchmal da wird das Gehen zur Meditation, zur Trance. Mein Geist aber akzeptiert die Leere nicht, also füllt er sie mit Gedanken und Bildern. Alles fließt durch mich hindurch und verschwindet wieder. So vermischt sich Vertrautes aus der Heimat mit dem Hier und Jetzt. Vergangenes erfährt eine neue Reflexion und Zukünftiges ein vielleicht neues Gesicht. Es ist ein bemerkenswert friedlicher Zustand ohne Ablenkung aus unserer lauten und schnellen Welt zu Hause. Ein Zustand, den ich sonst auf keiner Reise so erlebt habe. Hartes, liebenswertes Nepal…

© Elke Fürpaß