"No light in the night"

Wir verlassen Old Delhi und brauchen etwas Ruhe für unsere Sinne. Es ist schon ziemlich spät am Tag, als uns Jamal, unser Fahrer, auf einer staubigen Straße weiter in Richtung Rajasthan bringt. Jamal steuert den bestimmt 40 Jahre alten Ambassador durch den dämmrigen Nachmittag. Es gibt auf unseren Reisen fixe Regeln, an die wir uns – normalerweise – immer halten. Eine davon lautet, „Fahre nie nachts auf schlechten Straßen“ und eine weitere „Weiche nie von deinen altbewährten Regeln ab“. Nun gut, wir haben beide gebrochen.

Menschen schieben Handkarren am Straßenrand. Ein bunter Sari schwebt an meiner Fensterscheibe vorbei und ich werde dieses mulmige Gefühl nicht los, dass Jamal ja kaum noch etwas sehen kann. Die Frontscheibe hat sicher noch nie die sanfte Reinigung einer Scheibenwaschanlage erfahren, schon eher hat sie Bekanntschaft mit einem schmierigen Putzlappen gemacht. Also Sicht gleich Null. Und es wird dunkler. Warum schaltet der Idiot das Licht nicht ein, frage ich mich. Christian lässt seine Augen nicht von der Straße. Da, plötzlich kreuzt eine Kuh unsere Fahrbahn. Jamal bremst ruckartig und wir stemmen uns gerade noch rechtzeitig gegen die durchgesessenen Lehnen der Vordersitze. „Verdammt Jamal, schalte das Licht ein“ brülle ich fast. Aber wir sind im patriarchalischen Indien und Jamal kümmert die hysterische Wortspende dieser blonden Frau in seinem Auto wenig. Als ihm Christian dasselbe sagt, erscheint sein Lächeln im Rückspiegel und sein Kopf wackelt kurz einmal links, dann rechts und wieder links. So wie alle Inder scheint auch er eine Art Wackelgelenk ganz oben in der Halswirbelsäule zu besitzen. Normaler Weise belustigt mich das immer, jetzt allerdings nicht. „No problem, Sir. Light no good in the night“, höre ich ihn singen. Nur bitte wann dann, kreischt es in meinem Kopf. Bei Sonnenschein und Tageslicht? Christian wird lauter, „Jamal, switch on the light! It`s too dangerous!“. „No Sir, not dangerous, I can see lot.“ Jamal lächelt in den Rückspiegel und bedient ganz kurz die Lichthupe. Im Scheinwerferkegel erscheint in sicherer Entfernung die nächste Kuh, die uns am Straßenrand entgegen trottet. Wahrscheinlich wird sie jetzt gleich erblindet in den Straßengraben kippen. Jamal nickt und singt „I can see, Sir. No problem.“ Ich bete, es möge nur niemand unseren Weg kreuzen. Jetzt brüllt auch Christian: „Jamal, switch on the lights, immediately!“. Jamals Kopf wippt wieder links, rechts, links und die Lichter gehen an. Und wie! Volles Aufblendlicht erfasst ein entgegenkommendes, ebenfalls unbeleuchtetes Fahrzeug. Mir bleibt fast das Herz stehen. Der Entgegenkommende feuert uns nun ebenfalls sein Aufblendlicht, einer Waffe gleich, entgegen. Wir sehen absolut nichts! Jamal bremst wieder, die Reifen quietschen, wir stehen. Ich sehe Jamals treuherzige Augen im Rückspiegel und sein Kopf wippt links, rechts, links, „You see, Sir, I told you, it`s not good switch on light in the night“.

© Elke Fürpaß