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Ogoh - Ogoh

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Ogoh - Ogoh | story.one

Grausige Fratzen, Auswüchse menschlichen Daseins, lautes Geschrei und wildes Toben – all das ist das Ogoh-Ogoh-Fest, das Balinesische Neujahrsfest. In detailgetreuer Genauigkeit werden bis zu vier Meter große Pappmachè-Figuren in Handarbeit gebastelt. Jede Dorfgemeinschaft hat ihren eigenen Ogoh. Auf Holzgestellen werden sie bei einer Parade durch die Straßen getragen, gedreht und geschüttelt. Verdrehte Arme mit Werkzeugen der Vernichtung, lüsterne Blicke auf übergroße Brüste, gespaltene Zungen, grausige Köpfe, die aus ein und demselben Rumpf erwachsen. Ein uralter Brauch, der jedes Jahr seine Wiederholung erfährt. Einen Tag vor dem balinesischen Neujahr werden alle Dämonen, die den Menschen übelwollen, einem Exorzismus-Ritual gleich noch einmal zur Schau gestellt.

Ich wünsche mir auch so eine Parade von Ogohs in unseren Straßen. Wie würden wohl unsere Dämonen aussehen? Wie stellt man bloß Neid und Gier dar? Wie gesellschaftliche Zustände, die jegliches Gemeinwohls entbehren? Wie lässt es sich darstellen, das blinde Gefolgschaft ein Übel unserer Zeit geworden ist? Wie sieht der Dämon aus, der uns die Wahrheit nicht erkennen lässt? Welche Werkzeuge trägt jene Figur, die Sinnbild für die Zerstörung unserer Natur ist?

Lasst uns grausige Fratzen basteln, Abgründe menschlichen Daseins aus Pappmache kreieren und mit lautem Getöse durch die Straßen ziehen. So grausig, dass jede und jeder die bösen Geister sehen muss. Niemand soll sagen, er hätte nichts davon gewusst oder „wenn man es nur ahnen hätte können“. Oh nein, wir wissen alles und kennen sie alle, die Geister, die wir selbst gerufen haben.

Aber es kommt noch besser auf Bali. Die Fratzen werden am Ende der Parade dem Feuer übergeben, verbrennen bis zur Unkenntlichkeit. Alle Diener verwerflichen Daseins werden beseitigt, und so besteht zumindest eine Chance für einen Neubeginn. Tags darauf nämlich folgt der „Silent day“. Es wird Nyepi gefeiert, ein Tag der Besinnung und Einkehr. An diesem Tag steht auf Bali alles still! Kein Flugzeug startet von Denpasar, alle Lokale, alle Geschäfte, alle Büros sind geschlossen. Gästen wird das Essen im Zimmer serviert und die Straßen sind autofrei und menschenleer. Als ich das erste Mal ganz verstohlen meine Nase aus dem Areal unseres Guesthouses rausgestreckt habe, bin ich richtig erschrocken, so still war es. Schließlich geht es ja auch darum, wirklich ganz leise zu sein, um den Geistern vorzugaukeln, dass niemand mehr hier sei und es somit auch für sie keinen Grund mehr gibt, wieder zu kommen. Welch ein wundervoller Gedanke – so hoffnungsvoll und kindlich naiv

Ich wünsche mir so plakativ sichtbare Dämonen, dass niemand mehr die Augen verschließen kann, ohne dass es schmerzhaft ist. Und dann warte ich auf den Silent day, den Tag der Erlösung. Geläutert und gereift könnten wir auf frischer Erde wieder Neues aufbauen – Tag um Tag, Generation für Generation. Es ist nur ein Märchen, ich weiß. Aber trotzdem schön, oder?

© Elke Fürpaß 22.05.2020

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