Unsicherheit - der Geist, den niemand rief

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So gerne wiegen wir uns in Sicherheit über das, was morgen sein wird. Und wir glauben auch noch an diese fragile Gewissheit, obwohl uns die Realität immer wieder eines Besseren belehrt. Nichts ist gewisser, also die Veränderung. Als Kind ließen wir uns so gerne davon überraschen, wer sich wohl hinter der Ecke verstecken könnte. Nur dass dieser freudvolle Gruseleffekt in diesem Fall leider ausbleibt.

Seit nun sechs Monaten sind wir unterwegs in den nahen Osten. Bis nach Oman haben wir es geschafft. Die nächste Etappe soll uns wieder zurück über den Iran in die Stan-Staaten bringen, dann entlang der Seidenstraße über den Pamir-Highway. Kühne Ziele, große Träume. Doch ganz plötzlich zeigt sich, wer die wirkliche Macht auf diesem Planeten hat. Die Großen sind nur scheinbar mächtig, die eigentliche Macht liegt bei den ganz Kleinen – den Viren und Bakterien. Covid-19 - was für ein Name! Könnte auch der Name einer neuen Luxuslimousine sein. Doch weit gefehlt. Es handelt sich quasi um eine Schwundstufe, wie die Wissenschaft es nennt. Nicht mal ein richtiges Lebewesen, es sind bloß Teile davon. Gene von Lebewesen, die nun die Welt in Atem halten – und uns im Bann. Eigentlich sind sie harmloser, als viele denken, doch die Medien machen sie groß, versetzen alle in Panik. Mittlerweile haben alle Nachbarstaaten ihre Grenzen zum Iran geschlossen. Aus der Traum mit der Seidenstraße. Wir müssen um planen und wählen die Route durch Saudi Arabien und Jordanien nach Israel. Buchen rasch eine Fähre von Haifa nach Monfalcone.

An der Grenze zu Saudi Arabien komme ich mir vor wie im Operationssaal, neben den Saudis in ihren weißen Qamis und mit Mundschutz. Ein Fieberthermometer wird uns unter die Zunge gehalten. Welch eine Farce. Dann fahren wir zügig weiter, täglich mindestens 600 km um rechtzeitig nach Haifa zu kommen. Die Meldungen in den Nachrichten und sozialen Medien überschlagen sich. Die Informationen verwirren täglich und bewirken das, was keiner will – Unsicherheit. Die neue Route ist das Ergebnis einer Entscheidung. Wir wollen nicht auf der Arabischen Halbinsel bleiben, ohne zu wissen, wann wir den LKW wieder rausbekommen können. Wir empfinden unseren Dicken zum ersten Mal als Klotz am Bein. Er ist zu groß, um in einen Container zu passen. Wir können ihn auch nicht so einfach hier lassen. Das Familiensilber weiß man schließlich doch lieber sicher verwahrt. Da sind sie wieder, die Geister, die niemand rief. Eine Email von der Fährgesellschaft: “Es tut uns leid, aber vorerst fahren keine Schiffe von Haifa nach Italien“. Wir sitzen fest!

Tags darauf eine neue Email. Es gibt ein Schiff, 11 Tage später – auch gut. Wir atmen auf, genießen unser Abendessen. Doch schon bei der Nachspeise die nächste Meldung. Österreicher dürfen die Grenze zu Israel nicht mehr passieren. Wir kratzen den letzten Rest an Zuversicht zusammen und hoffen das Beste – die Ungewissheit jedoch, die bleibt.

© Elke Fürpaß