Unter dem Mangrovenbaum

Ich sitze unter einem Mangrovenbaum, mein Blick schweift über kristallklares Wasser, ich habe paradiesische Tage hinter mir und wohl noch eben solche vor mir. Wenn man nichts wünscht, weil jedes Bedürfnis bereits erfüllt ist, vordergründig also nichts fehlt, sich dann aber trotzdem die Sinnfrage durch meine Bewusstseinsebene bohrt, dann frage ich mich, ob ich nicht mehr ganz dicht bin. Mein Paradies, das ich gefunden zu haben glaube, liegt weit weg von meinem Alltag, weit weg auch von den Menschen, die mir vertraut sind. Vielleicht liegt darin der Grund jenes lästigen Speils in meinem Gefühlsether. Vielleicht fehlen mir ja genau diese Menschen zu meinem vollständigen Glück, die wirklich guten und wahren Freunde. Ja, ich kann sagen, das Vorhandensein existenter Seilschaften gewinnt noch mehr an Bedeutung, wenn man das übliche Alltagsterrain verlassen hat.

Wenn ich ehrlich bin, hat sich bereits in den Jahren davor was verändert. Jene gesellschaftlichen Synapsen, die sich in der Jugend und Studienzeit gebildet haben, so verfestigt, wie mit hochprozentigem Kleister fixiert, erfahren da und dort einen gewissen Lösungsprozess. Jeder beschreitet sein Leben nun mal auf ganz eigenen Wegen. Je älter wir geworden sind, desto weitreichender haben diese Zellen purer Freundschaft ihre Fühler ausgestreckt, haben Verbindungsarme wachsen lassen und auch noch andere Andockstellen gefunden. Ich denke, dieser Prozess ist ganz normal und auch gut so. Er ermöglicht uns, nicht zu vereinsamen, wenn eine alte Verbindung mal nicht mehr da sein sollte. Es gibt Momente, da erfüllt mich diese Erkenntnis mit einer gewissen Wehmut, da wünsche ich mir die Verbindlichkeit meiner Jugend zurück, die kein Ereignis ohne die „üblichen Verdächtigen“ zugelassen hat. Alles schien so klar. Vielleicht auch ist dieses Empfinden dem Älterwerden geschuldet. Dem unvermeidbaren Ende der menschlichen Existenz wieder ein kleines Stück näher gerückt, öffnen sich möglicher Weise erst Türen zu ganz speziellen Emotionen. Ganz bestimmt liegt ein großer Anteil dieses Veränderungsprozesses auch an meiner Art das Leben zu leben, sowie an den Ressourcen, die ich zur Verfügung stelle, damit sich eben doch nichts verändert.

Aber dann wieder der Gedanke, Veränderung ist schließlich auch notwendig, evolutionär wie persönlich. Vielleicht bedeutet jede Veränderung sogar notwendiger Weise einen kleinen Verlust in anderer Hinsicht. Jedes Hinwenden zu einer Sache bedeutet zwangsläufig ein Abwenden vom Bisherigen. Es bleibt eben nicht beim Alten.

Mir kommt ein tröstlicher Gedanke – es braucht einfach beides, Beständigkeit und Erneuerung. Es ist so wie mit den elementaren Kräften Anziehung und Fliehkraft. Nur wenn beide in Balance zueinander stehen, dann bleibt ein Planet in seiner Umlaufbahn. In diesem Moment fällt eine Frucht des Mangrovenbaums direkt vor meine Füße und ich muss herzhaft lachen. Ein paradiesisches Zeichen, dass alles gut ist.

© Elke Fürpaß