Vergänglichkeit

Schon seit Tagen geistern mir die unterschiedlichsten Gedanken durch den Kopf, hier am Strand von Thailand. Ich kriege sie ganz schwer zu fassen, immer wieder entwischen sie mir, so als ob das Meer sie wieder fortspülen könnte. Es sind nun schon mehr als drei Jahre vergangen, seit mein Vater verstorben ist. Das Abhandensein einer Person ist zur Normalität geworden, und diese Tatsache erschreckt mich zutiefst. Das Gefühl der Vergänglichkeit macht mich unendlich traurig. Ich versuche meine Erinnerungen zu retten.

Mein Vater war Lehrer an einer Berufsschule für Elektriker. Nie habe ich ihn über seine Arbeit klagen oder jammern gehört, immer ist er gerne zu „seinen Buam“ gegangen, wie er sie genannt hat. Er war ein exzellenter Tänzer und hat über Jahre hinweg wohl keinen lokalen Dorfball ausgelassen und beim Radfahren hat er immer gemeint „den inneren Schweinehund besiegen zu müssen“. Er konnte aber auch sehr aufbrausend sein, verstörend streng. Ich konnte ihn nicht verstehen. Papa, vielleicht hättest du mehr erzählen sollen? Aber jemand, der in den Dreißigern geboren wurde, hat von sich aus nicht über Gefühle gesprochen.

Als Kind bin ich sonntags oft in dein Bett gekrabbelt und du musstest mir eine schaurige Gruselgeschichte erzählen. Im spannendsten Moment hast du mich plötzlich irgendwo gekitzelt. Ich wusste, dass es passieren wird, aber nicht wo und wann. Der Gruseleffekt war also immer perfekt. Als ich älter war und am Wochenende wieder mal nach Hause kam, hast du mich begrüßt mit „schau Mama, mein Herzerl kommt uns besuchen“, und dabei hast du mich in die Arme genommen. Damals war es Routine, heute sind es Erinnerungen, die ich nie vergessen möchte. Papa, ich hoffe, auch du warst glücklich.

Aber das wirklich allerbeste habe ich erst viel später begriffen. Ich weiß heute, dass ich im Leben alles irgendwie meistern werde. Dieses Gefühl, dieses Selbstverständnis dafür, dass ich es schaffen kann und dass es gut ist, so wie ich bin, dafür hast du den Grundstein gelegt. Papa, du hast mir Selbstvertrauen geschenkt und das Gefühl, dass ich ein wertvoller Mensch bin – die beiden wunderbarsten Geschenke, die Eltern ihren Kindern machen können. Dafür bin ich dir aus tiefsten Herzen dankbar.

In den letzten Jahren schien deine Welt durch die Krankheit unaufhaltsam kleiner zu werden. Trotzdem hatten wir selten das Gefühl, dass du darunter leiden würdest. Und irgendwie schien es uns, als ob du am Ende selbstbestimmt entschieden hättest, dass es nun einfach genug sei. Aber ich weiß nicht, ob es so war. Als ich dich das letzte Mal auf der Demenzstation besuchte, hab ich mich auf deinen Schoß gesetzt und gesagt, „komm Papa, halt mich mal“, was du dann auch so gut es ging irgendwie gemacht hast, ohne ein Wort zu sagen. Ich habe geahnt, dass es das letzte Mal sein würde, geweint und es gleichzeitig verdrängt. Und dann bin ich erneut auf eine lange Reise gegangen – um zwei Wochen später wieder nach Hause zu fliegen. Um dich zu beerdigen.

© Elke Fürpaß