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Wenn alles zur Bühne wird

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Wenn alles zur Bühne wird | story.one

Im sanften Licht der Nachmittagssonne spaziere ich über die abgewetzten Steine der einstigen Weltmetropole. Ephesos war schon Weltstadt, als Rom noch nicht mal geboren war. Vorbei am Hadrianstempel kann ich die Geschichtsträchtigkeit durchaus spüren, die großen schweren Steinblöcke erzählen ihre Geschichten von glanzvollen Zeiten und vernichtenden Tiefschlägen. Krösus machte alles zunichte, später Alexander der Große und noch später fiel Ephesus an die Römer, bis irgendwann nach Chr. die Goten Stadt und Tempel völlig verwüsteten. Ruhm ist vergänglich - das ewige Spiel. Vielleicht sollte mich das tröstlich stimmen, nichts bleibt für die Ewigkeit. Was macht es dann schon aus, wenn der verbliebene Rest antiker Schätze zur Bühne vergnügungssüchtiger Touristen verkommt. Bis zu 15.000 pro Tag tummeln sich in der Hauptsaison durch die ehrwürdigen Gemäuer. Ob meiner Größe habe ich Glück, dass mich die Spieße der Sonnenschirme nicht treffen können, deren chinesische Besitzer ständig unter mir rumtänzeln. Gefährlicher wird es dann schon, wenn ein Telskopstab fürs Handy ausfährt, um den Besitzer im Selfiformat vor dem Heraklestor in Szene zu setzen. Und genau das ist es, was so absurd anmutet – dieses sich ständig „in Szene“ setzen zu müssen. Adrett gekleidet, wie Asiaten ja meist sind, mit kleinem Handtäschchen, Hut und Pömmelsandalen, bringen sie noch rasch ihre Frisur in Form und dann sich selbst in Stellung. Es wird gedreht, das Kleid geschwungen, das Bein kokett auf die Zehenspitze gestellt, gelächelt und nochmal hochgehüpft und die Finger zum V geformt. Ein bühnenreifes Schauspiel, um der Fangemeinde zu Hause oder im Netz so rasch wie möglich kund zu tun: ich war hier!

Nächster Stopp Pamukkale. Hier hat die Natur über Jahrtausende ein Wunderwerk geschaffen. Der Mensch hat kurzerhand eine Straße wie eine Wunde mitten durch die Sinterterassen gehauen. Man hat sie mittlerweile mit einem künstlichen Überzug geschönt. Ganz ähnlich dem Travertin und die meisten merken wahrscheinlich nicht, dass sie auf Plastik nach oben wandern. Und über diese weiße Trasse schiebt sich die Hundertschaft barfüßiger Touristen wie ein bunter Wurm nach oben. Überall dort, wo Wasser in einem der künstlichen Becken oder in einer Rinne ist, hockt ein Teil dieses Menschenwurmes, in der Hand sein wichtigstes Spielzeug, sein Handy. Wieder entsteht Zeugnis, ich war hier! Die Sinterterrassen sind zum Funpark verkommen und das stimmt mich traurig.

Das Auge muss mittlerweile so Vieles wegfiltern, um das wahre Wunder der Natur neben all der Künstlichkeit noch zu erkennen. Immer wedelt irgendwo ein Hut fürs Foto und daneben rekelt sich eine Badenixe im Tigerbikini in einem Pool. Auch ich bin Teil dieses Menschenwurmes, ich weiß. Doch ich tanze nicht – ich staune und verhalte mich still.

Die ganz wilden Sünden hat man eingestellt, aber so schön wie in der Antike wird es wohl nie mehr werden, dieses Welterbe hat der Mensch nicht annehmen wollen.

© Elke Fürpaß 29.11.2019

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