Wo der Wind kein Zuhause mehr hat

Seit nun fast einer Woche gibt es kein Internet mehr im Iran. Es gab Unruhen und es gab Tote. Wir hier, am Rande der Wüste Lut, merken nichts von alledem. Aber man zwingt uns einen Guide für die Wüstentour auf. Hier ist es wieder, dieses löchrige Gefühl, einfach nicht selbstbestimmt agieren zu können. Alsdann folgen wir unserem Guide, Arman. Er ist höflich und zurückhaltend. Nichts spricht gegen ihn. Aber alle unsere Trekks werden an die Geheimpolizei weitergeleitet. Das muss er tun.

Er führt uns tief hinein ins Sandmeer, gut 100 km weit zu den Kaluts, zu jenen steinernen Meisterwerken, die die Erosion geschaffen hat. Wer Besonderes erleben will, muss es sich verdienen. Wie wahr! Die ersten 40 km holpern wir über die eintönigste Kiesebene, über die ich je gefahren bin!!! Grau, soweit das Auge reicht und unter uns nur Bodenwelle neben Bodenwelle. Der Tacho schwankt zwischen 10-20 km/h. Ich erspare jedem Leser Christians verbale Eruptionen. Und dann, ganz plötzlich eine kleine Absenkung und eine Ebene öffnet sich in ein Tal, gibt endlich die ersehnte Sandwüste frei. Grau wandelt sich in Braun und die ersten Kaluts zeigen ihre Schönheit. Wir wähnen uns auf einem fremden Planeten. So fern allem Gewohnten, so unnatürlich schön! Unter unsere Stollenreifen schiebt sich weicher Sand. Mal sind Abschnitte ganz leicht zu überwinden und wir gleiten wie über Watte. Manchmal braucht es echte Pferdestärken, um unsere 13 Tonnen schwere Karosse eine Düne nach oben zu schieben. Diese Wüste ist im Sommer der heißesten Orte der Erde. Bodenmessungen per Satellit ergaben bis zu 70 Grad Celsius im Sommer. Nichts deutet auf menschliches Leben in der Lut hin. Nur einmal, da kreuzen wir die Route eines Wüstenfuchses. Und abends am Lagerfeuer, da besucht er uns wieder. Es ist Winter in der Lut und es wird rasch kühl, sobald die Sonne am Horizont verschwindet. Eine vergleichbare Wüstenlandschaft haben wir noch nie gesehen. Diese Naturschönheit überwältigt uns jeden Tag aufs Neue. Riesige Weiten tun sich auf. Ein Urmeer, das uns seine Überreste vermacht hat. Das Meiste ist zu feinem Sand verrieben. Und dazwischen die Kaluts, die exakt die Richtung des Windes über diese weiten Ebenen nachzeichnen.

Wir umschiffen sie quasi über das Sandmeer. Mal gleichen sie einem Dom, dann wieder einem alten Khmer Tempel, mal einer ägyptischen Statue oder dem griechischen Pantheon. Wir sliden durch die Ebene der Kathedralen, übernachten an einem wunderbaren Stellplatz mitten in den Sterndünen und schlängeln uns quasi zwischen den steinernen Riesen hindurch. Immer ist es traumhaft und immer ist es einzigartig.

Wie der Wind begleiten mich auch meine Gedanken wenn ich im warmen Licht der Nachmittagsonne über die Dünen spaziere. Ich lasse die vergangenen Tage Revue passieren. Und dort, im Lee hinter einem Kalut, wo es ganz still geworden ist, dort wo der Wind kein Zuhause mehr hat, bin ich unendlich dankbar für die Freiheit, in der ich zu Hause leben darf.

© Elke Fürpaß