Skandalöses Mittagessen im Krankenhaus

Viele Besuche im Krankenhaus. Viel Zeit, zu beobachten, während Mama schläft.

Da ist der Arzt, der nie viel Zeit hat. Er kommt sich gut vor. Ja, er ist wohl "der Beste".

Da ist die Krankenschwester, die ein Geheimnis hat. Wenn sie spricht, dann spricht sie irgendetwas nicht aus. Ich sehe es an ihren Augen und ihrem Mund.

Da ist die Pflegerin, die wiederum redet wie ein Wasserfall. Ich vermute, auch sie ist "die Beste".

Die Patientin im Bett gegenüber ist oft allein. Sie hat keine eigene Familie. Nur ihre Nichte schaut auf ihr Haus, sagt sie. Seltsam, denn sie wirkt sehr lieb.

Der Patient im Gang hat seine Diagnose bekommen. Er schaut mich hilfesuchend an und teilt sie mir mit. Ich bin sprachlos, ich weiß nicht, was ich sagen soll.

Die Reinigungskraft, eine junge Frau mit einem sympathischen Lächeln. Sie könne aber sehr gut deutsch, meint jemand. Sie antwortet verletzt, dass sie ja hier geboren und zur Schule gegangen sei. Ich sage ihr ehrlich, dass ihr Kopftuch wunderschön ist.

Und dann die alte Frau mit dem Bett bei der Mauer. Sie ist gewitzt, jung im Geiste. Doch ihr Gesicht ist faltig, ihre Haut bräunlich. Sie geht nicht mehr gerade, sie ist sehr dünn. Gebrechlich wirkt sie nur äußerlich. Innen ist sie stark. Ich vermute, sie lebt allein und macht noch alles selbst. Was hat sie eigentlich, frage ich mich ohne die Antwort wissen zu wollen. In dieser Station hat jede und jeder eine sehr schwere Krankheit, soviel ist sicher... Das Krankenhaus bringt absolut nichts und sie ist schon viel zu lange da, wiederholt sie häufig - mehr zu sich selbst als zu uns. Ihr Gesicht ist faltig, habe ich das schon gesagt. Ihre Augen sind wach. Oft schaut sie zur Tür ihres Gefängnisses. Manchmal löst sie Kreuzworträtsel. Am Nachttisch steht eine Vase ohne Blumen. Die alte Frau ist zappelig, kann kaum ruhig liegen. Jetzt telefoniert sie mit einem riesigen Handy. Ich vermute, ein "Seniorenhandy". Ich vermute, da muss man laut hineinrufen...

"Markus, i hoit's do nimmer long aus. Aber sie hom gsogt, ich muass no do bleib'n. Hawidere Pepitant, i sog's da."

Während ich innerlich lache, bekomme ich zugleich Mitleid. Markus dürfte ihr Sohn sein, oder ihr Enkel. Ich wünsche der Frau, dass sie bald wieder nachhause darf. Dass ihre Krankheit geheilt wird. Sie fühlt sich hier nicht wohl, sie will in ihre eigenen vier Wände. Sie will etwas tun und nicht untätig auf ihre Entlassung warten. Hoffentlich holt sie Markus bald ab, dass sie nachhause kann. Unwillkürlich höre ich, was die Frau in ihr riesiges Seniorenhandy ruft:

"Markus, i hoit's do nimmer long aus. Du muasst mi ohoin! Wast wos sie ma heit brocht hobn? Spinat!! Spinat!!! I wü an Schweinsbrotn!"

Als ich das Krankenhaus verlassen kann, bleiben diese Leute dort. Jedenfalls in meiner Erinnerung. Hoffentlich ohne skandalösem Mittagessen.

© Elke K