Die Kälte

Mein Teerezept zum Wärmen der Mitte liegt schon parat. Der Winter kommt. Immer wenn ich an die kalte Jahreszeit denke, zieht ganz langsam ein sehr ungemütliches Frösteln durch meinen Körper.

Thomas Bernhard hat in seinem Buch "Die Kälte" meine Heimat und den Hausberg ziemlich treffend beschrieben, wie er monatelang Schatten auf unser Tal wirft. Und tatsächlich schafft es die Sonne erst ab Ende Jänner mittags wieder kurz über den Berg. Der Dezember verläuft sonnenlos, dabei liegt mein Elternhaus sogar auf einem Hang. Für Jemanden wie mich, mit Olivenöl im Blut, also mit italienischen Wurzeln, ist das doppelt bitter. Im Pongau kommt man sozusagen mit Schi zur Welt. "Nicht schifahren zu können" kommt hier einem "nicht sprechen gelernt zu haben" gleich.

Ich mag sie nicht, diese Donnerstage im Winter! Statt den Turnstunden wird donnerstags von der Schule aus im Winter eigentlich immer Schi gefahren! 6.55 Uhr früh im tiefverschneiten Pongau, es ist stockdunkel, eisig kalt. Ich bin in der 1. Klasse Gymnasium und die Kleinste und Schmächtigste von allen. Da kommt er, der gefürchtete Schulbus. Nervös umklammere ich meine Schi so fest, als könnten sie weglaufen. Neben 10 größeren und stärkeren Kindern, die mich bereits nach hinten abgedrängt haben, schaffe ich es gerade noch, die Schi samt Stöcke hinten drauf zu werfen, bin dann aber mit den schweren und etwas zu großen Schischuhen wieder mal zu langsam um noch zur Bustüre vor zu hechten und weg saust er, samt meiner Schi! Wut und Tränen schlucke ich um nicht noch mehr ausgelacht zu werden von den schadenfrohen Lausbuben, die mir durchs Busfenster die Zunge zeigen. Der nächste Bus fährt erst wieder in 30 Minuten, Handy gibt es noch keines, also stapfe ich mit Helm, Schischuhen und Schulranzen am Rücken wieder nach Hause. Am Schulweg liegt die Bäckerei und ich habe Glück, ein Bäckergeselle bemerkt mein Elend und steckt mir durch den Fensterschlitz der Backstube ein Salzstangerl zu. Ich wische mir die Tränen ab und tröste mich in tiefem Selbstmitleid mit dem warmen Gebäck. Weiter stapfe ich den steilen, verschneiten Weg zu unserem Haus am Hang zurück.

Nun, die Angst vor winterlicher Kälte und Schulbussen stechen zugegeben noch etwas in meiner Magengrube. Die Winter sind aber nicht mehr so streng wie damals, auch im Pongau. Also beginne ich mich langsam mit der kalten Jahreszeit zu versöhnen, ich muß auch, denn meine Kinder lieben den Winter und Weihnachten! Der Zauber der ersten Schneeflocken, ein stiller Winterwald, ein heißer Glühwein mit Freunden am Christkindlmarkt, Weihnachtslichter, Eislaufen am Weiher, eine Bobpartie mit den Kindern und ja, sogar die Lust auf Schifahren kommt langsam wieder. Ab Herbst beginne ich trotzdem wie eine Wilde Hühnersuppen, Currys und Gewürztees zu kochen. Ich verbrauche Unmengen an Ingwer und springe allabendlich mit einer Wärmflasche ins Bett.

Erst Jahre später wird mir klar, dass nicht nur die Jahreszeit Schuld an der Kälte war.

© Elke Steiner