Der Crash Kurs

Bumm! Die Autotür knallt zu. "Jetzt reicht`s aber!" ruft mein Vater und rennt zur Beruhigung eine Runde um den großen Parkplatz, wo ich an einem sonnigen Sonntag Vormittag von ihm meine ersten Fahrstunden bekomme. Eigentlich ist er ein sehr geduldiger Mensch, außer es geht um Nachhilfe in Mathematik oder eben unser funkelnagelneues Auto. Ich kann doch auch nichts dafür, dass wir genau JETZT ein neues Auto bekommen haben. Unser 20 Jahre alter Volvo wäre genau das Richtige gewesen. Ein, zwei Kratzer mehr im Lack wären völlig egal und ich hätte dabei noch Spaß beim Fahren lernen. Aber mit diesem neuen, heiligen Gefährt, das noch dazu fürchterlich stinkt und einem hochnervösen Vater neben mir? Klar bin ich ein paar Mal echt knapp an der Mauer vorbei und immer zu schnell rückwärts. Hinten die Mauer, vorne die Salzach. Schuldbewußt schiele ich zu meinen Vater. Er öffnet die Fahrertür, bittet mich nur rüberzurutschen, atmet noch einmal tief durch und setzt sich ans Steuer. Keine Ahnung wohin es geht, der Weg nach Hause ist es jedenfalls nicht.

Plan B ist das benachbarte St.Veit. Papa pfeift dem Sohn im Garten unserer Bekannten. Die Beiden tuscheln und sehen dabei verdächtig zu mir herüber. Ich sinke langsam tiefer in meinen Sitz und Fluchtgedanken machen sich breit. Zu spät! Mein Vater drückt dem jungen Mann einen Fünfhunderter (Schilling!) in die Hand mit dem Beisatz "Ich hol sie erst wieder, wenn sie fahren kann!".

Nun muß ich mich wohl oder übel in die Hände eines 16 jährigen, breitgrinsenden Kfz-Mechanikers begeben, der mir das Autofahren beibringen soll. Wie peinlich, mit 18 Jahren und ich merke, wie gerade der letzte Rest meines Selbstvertrauens seine Koffer packt.

Mein Vater setzt uns mit Wasser & Chips bei einer entlegenen Hütte aus. Hier oben? Das Fahrzeug ist ein steinalter Benziner ohne Servolenkung und voller Stolz erzählt mir der Bursch, wie er es selbst repariert hätte. Ich gratuliere und beginne im Stillen zu beten. Wenigstens beobachten mich hier nur schaulustige Kühe.

Die steile Straße, auf der ich gefühlte 1000 Mal bremsen, auskuppeln und weiterfahren muß, treibt mir Schweißperlen auf die Stirn, aber er lässt nicht locker. Einparken, ausparken, vor, zurück, rauf, runter. Hardcore! Mit der Zeit habe ich dann den Dreh raus und eigentlich wird es recht lustig mit meinem hochmotivierten "Fahrlehrer". Als es dämmrig wird, bettle ich ihn an, er möge mir seinen "Segen" geben und meinen Vater anrufen.

Als dieser mich abholt, klopft er dem sichtlich stolzen Burschen zum Dank fest auf die Schulter. Am Weg nach Hause beginne ich meinen Vater fürchterlich zu schimpfen, müssen aber beide plötzlich lachen. "Na gut, ich vergebe dir!"

Heilfroh, dass ich nun tatsächlich - zumindest technisch - Autofahren gelernt habe, überkommt mich ein unglaubliches Gefühl von Stolz und großer Freiheit.

Die Mathematik-Matura 2 Wochen später hab ich meinem Vater daraufhin allerdings verheimlicht. Wer weiß, was ihm da wieder eingefallen wäre.

© Elke Steiner