Tausche Angst gegen Hund

Ich hatte einen Hund. Er hatte Schlappohren, lange Arme und Beine, einen gutmütigen Blick, trug eine orange Latzhose und war fast so groß wie ich. Er war mein Lieblingsstofftier und für mich, neben meiner Katze, der wichtigste und treuste Begleiter während meiner gesamten Kindergartenzeit.

Damals hatte ich schreckliche Angst vor der Dunkelheit. Ich besaß viel Phantasie und die ging dann ins Unermessliche. Sobald es zu dämmern begann, kam die Angst und packte mich mit ihren Krallen. Es ging sogar soweit, dass ich ein mir zugedachtes Zimmer im oberen Stock unseres Hauses verweigerte und es vorzog, in meiner winzigkleinen „Rumpelkammer“ im Erdgeschoß zu bleiben. Wer braucht ein wunderschönes Mädchenzimmer, wenn man sich in einer kleinen Kammer doch viel besser vor dem Ungeheuer Dunkelheit verstecken kann? Aber meinem Vater, oft in das Filmen der pongauer Natur mit seiner geliebten Super-8-Kamera vertieft und damit für alltägliche Probleme seines kleinen Mädchens nicht immer zugänglich, war meine markerschütternde Angst vor der Dunkelheit nicht verborgen geblieben. Er hatte sich Gedanken gemacht, wie er mir helfen konnte. Doch davon erzählte er mir nicht, sondern überraschte mich eines Abends.

Er holte mich ins Wohnzimmer, um mir einen Film zu zeigen. Ich kam widerwillig mit, war ich doch in der Erwartung, wieder einmal einem seiner Naturfilme beiwohnen zu „müssen“. Doch diesmal war es anders. "Überraschung!" sagte er und ließ den Film ab. Der Projektor knatterte und los ging es. Aber das ist doch... das ist doch....? Vor Staunen saß ich mit offenem Mund vor der Leinwand.

Mein Vater kreierte eine Art Trickfilm und mein geliebter Stoffhund war der Protagonist! Er, mein Lieblingshund, lugte in diesem Film durch den Türspalt in mein Kinderzimmer, sah mich selig schlafend, schlich sich langsam zu mir, ganz leise, um mich nicht zu wecken und kuschelte sich fluggs zu mir unter die warme Decke. Ich war sprachlos, mein Hund! Nachts lebendig, hab ich´s doch gewusst!

Mein Vater hatte heimlich Draht durch mein Stofftier gezogen, in seine Arme und Beine, und ihn abends gefilmt - jede Sekunde ein Bild, sodass es wahrhaftig so wirkte, als würde sich dieser kleine Hund zu mir schleichen, um mich zu beschützen während der dunklen Nacht. Es sah so echt aus! Und ich schlief tief und fest und habe nichts bemerkt von dem Spektakel.

Ich erinnere mich noch wie heute, wie sehr ich strahlte, als der Film zu Ende war. Ich lief zu meinem Vater und sprang auf seinen Schoß und war einfach nur glücklich. Er strich mir übers Haar und schmunzelte. An diesem Abend so wie an den folgenden ging ich mit dem Wissen ins Bett, dass ich beschützt werde.

Heute denke ich manchmal daran zurück, wenn es zu dämmern beginnt, und denke an meinen Vater. Daran, welchen Aufwand er für mich betrieben hatte mit diesem Trickfilm. Vor allem aber daran, dass er gewusst haben muss, dass es vielleicht nur einer schaffen kann, mir meine Angst zu nehmen: ein nachts lebendiger Wachhund.

© Elke Steiner