Pongauer Weihnacht

Als ich klein war gab es noch kaum Christbaumverkaufsstellen so wie heute. Zumindest nicht im Pongau. Man fragte einen Bauern, einigte sich meist auf ein kleines Gegengeschäft und dann durfte man eine Tanne aus seinem Wald holen. Natürlich hielt sich nicht jeder an diese Abmachung. Wie die zwei Bauern aus der Nachbargemeinde, die ihren Baum grundsätzlich vom Wald des anderen geholt haben. Das war eine Art verbotener Sport. Den Schönsten haben sie sich gegenseitig gestohlen und freuten sich dann wie kleine Kinder. Alle wußten es, niemand verriet etwas.

Bohren, Sägen und Hämmern aus der Werkstatt meines Vaters waren für mich gewohnte Geräusche zur Mittagszeit des Weihnachtstages. Nein, nicht dass er noch schnell ein Weihnachtsgeschenk für uns Kinder gebastelt hätte, vielmehr ging es um unseren Christbaum. Mein Vater, ein Naturfreund und Vogelliebhaber brachte es nie übers Herz dem Wald eine schöne, ebenmäßige Tanne zu rauben. Nein, es traf immer einen etwas krummen Baum unförmiger Erscheinung. Der wurde dann zu hause "aufgepeppt", das heißt dort, wo keine Äste waren, bekam er Ersatzäste, die in die angebohrten Löcher gesteckt und geleimt wurden. Er wurde zurecht gebogen, gedreht und gewendet bis mein Vater ihn dann voller Stolz ins Wohnzimmer stellte, meiner Mutter wieder die Farbe aus dem Gesicht wich und wir Kinder lachen mussten. Meine Mutter versuchte dann noch ihr Möglichstes um den Christbaum auch zu einem solchen werden zu lassen. Er wurde mit Unmengen an Baumschmuck behängt, sodass man am Ende eigentlich vom Baum nicht mehr viel sah. Sie hat ihn sozusagen versteckt. Einmal war der Baum so schief, dass jeglicher Upcyclingversuch misslang und unter das Stockerl auf dem er stand, Bücher geschoben werden mussten um ihn einigermaßen in die Gerade zu bekommen, hinten wurde er zusätzlich am Kasten fixiert. Einmal hatte ein Baum sogar 2 Spitzen, die meine Mutter wieder mit Unmengen an Strohsternen kaschieren musste. Unser gemeinsames Singen mit Blick auf den Christbaum war meist ein sich bestmögliches Zusammennehmen um nicht sofort loszuprusten. Nur mein Vater war stets sehr stolz auf sein Werk und stand mit einem Schmunzeln auf den Lippen andächtig davor. Wenn der Baum einigermaßen schön war durfte er bis zum 6.Jänner bleiben. Der schiefe Baum und jener mit den 2 Spitzen wurden jedoch noch vor Sylvester entsorgt. Zumindest nadelten sie nie, da mein Vater immer viel auf den Schnitt zum richtigen Mond hielt, was unsere Christbäume aber auch nicht verschönerte.

Als einmal meine Mutter aufgrund eines seiner "Kunstwerke" mit meinem Vater die ganzen Weihnachtstage nichts mehr gesprochen hat, brachte er als Wiedergutmachung das Jahr darauf eine tadellose, buschige, kerzengerade, langweilige Tanne. Zur Überraschung von uns allen. Als wir merkten, wie traurig er davor stand und auch das Lachen beim Singen ausblieb gab es die darauffolgenden Jahre wieder "Selbstgebaute" und der Weihnachtsfrieden war gerettet.

© Elke Steiner