Er ging und baute sich ein Nest

"Hol deinen Vater zum Essen!" rief meine Mutter. Aber er war mal wieder zu beschäftigt. Stunden verbrachte er damit Filme zu schneiden, zu kleben, zu sortieren, zu beschriften...

Mit dem Kauf einer funkelnagelneuen Super 8 Kamera plus Zubehör war ein neues Hobby geboren: Filme machen!

Mein Vater, ein großer Konrad Lorenz Fan, verbrachte davor schon gerne und viel Zeit im Wald und beobachtete und fotografierte Vögel und Wild. Nun aber konnte er sie filmen.

Für die Auerhahnbalz rückte er schon um halb 4 Uhr früh aus um bei Sonnenaufgang vor Ort zu sein. Sein Freund Walter, ein Murmeltierzüchter aus St.Veit war mit dabei und zeigte ihm den besten Platz zum Filmen. Danach erzählte er uns, wie sie beide den Auerhahn entdeckt haben an einer Lichtung bei blutrotem Sonnenaufgang. Immer wenn der Hahn "geschnackelt" hat, was er für seine Liebste mit Kopf nach oben und geschlossenen Augen macht, eilten sie näher zu ihm und stellten sich sofort tot, wenn er aufhörte. So kamen sie ganz nahe an ihn heran.

Natürlich wollte er auch uns Kinder in seine Gamsbock-, Bussard-, Auerhahn-, Reh- und Hirschfilmreihe miteinbeziehen. Da wir ohnehin oft in den Bergen waren, mussten wir nach Papa´s Regieanweisung mal nach rechts schauen, dann langsam nach links und nach oben zeigen. Erstaunt schauen, wenn gerade der Bussard über uns kreiste, neugierig nach oben klettern, den Bruder herbeiwinken mit einem `leise sein`-Finger vor dem Mund und schon tauchte eine Gemse vor uns auf. Beim Schneiden dieser Szenen ging Papa`s Fantasie mit ihm durch. Am Gipfelkreuz sprang dann natürlich noch schnell ein Hirsch oder ähnliches vorbei. Damals für uns als Statisten eher langweilig, später ein Riesenspaß für alle, inklusive meinem Vater. Zumal auch die Schnitte oft sehr abrupt kamen und sie farblich auch nicht immer ganz perfekt waren. Aber gerade diese Imperfektion belebte die Filme. Vor allem hüpfende Sonnenuntergänge waren Highlights unserer Heimkinoabende.

Besonders hatten es ihm aber Bussarde angetan, Mäusebussarde. Wochenlang verfolgte er schon ein Pärchen im nahegelegenen Wald und eines Tages machte er ihren Horst am Waldrand ausfindig. Sie brüteten und mein Vater baute sich ein eigenes Nest auf dem benachbarten Baum. Von dort konnte er sie perfekt auf Augenhöhe beobachten und auch noch zoomen. Stundenlang saß er in seinem selbstgebauten "Horst"mit Thermoskanne und Speckbroten bis irgendwann der langersehnte Tag kam, an dem sie schlüpften. Drei süße, kleine Babybussarde mit zerzaustem Gefieder, die Schnäbel weit offen.

Nach Wochen des geheimen Schnitts in seiner „Dunkelkammer“ war es dann so weit: der Projektor wurde aufgebaut, wir Kinder warteten gespannt im Pyjama, meine Mutter brachte Pfannen-Popcorn und mit typischem, lauten Surren ging's los. Ich liebte unser Heimkino.

Die Filme meines Vaters waren doch sehr aufwendig für die wenigen Zuseher, aber echte Leidenschaft braucht bekanntlich kein großes Publikum!

© Elke Steiner