Mama mit Mäher

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Mama mit Mäher | story.one

Voller Tatendrang begebe ich mich eines schönes Nachmittags im Mai nach draußen. Die notwendigsten Arbeiten im Haus sind getätigt. Blumen, Hecken und Gräser warten seit geraumer Zeit geduldig auf den Anteil, der sie vor erkennbarer Vernachlässigung schützt.

Bevor ich den Rasenmäher startklar habe, fällt mein Blick auf den erst kürzlich volljährig gewordenen Sohn. Er ist gerade daran, es sich im Liegestuhl bequem zu machen. Weiße Stängel eines namhaften Handy Herstellers blitzen aus seinen Ohren. Auch im Ruhe-Modus will für Unterhaltung gesorgt sein. Denn was einem an einer verdienten Pause hindern könnte, machen nicht etwa akustische, sondern gefühlte Reize aus.

"Gibt es einen Platz in unserem Garten, wo es mich nicht in meiner Nase juckt oder die Augen nicht zu brennen beginnen-überall wächst bei uns so Zeux, " stellt mein Bub meinen Naturgarten in Frage.

Ich weise auf die Mobilität des Liegestuhles dank angebrachter Räder hin. Nicht bedenkend, dass mein Hinweis aufgrund möglicher Überanstrengung beim Versetzen und dem gleichzeitigen Ertragen-Müssen von frühsommerlicher Hitze, nicht zur Umsetzung gelangen kann.

Unser Garten verfügt über zahlreiche Wohlfühloasen. Aus nicht erklärbarer Ursache tauchen allesamt nicht am Radar eines 18-Jährigen auf und bleiben demnach als begehrliche Ruhestätten unerkannt.

"Wie wärs mit dem Plätzchen am Brunnen oder möchtest du es dir vielleicht unter der Weide bequem machen?" schlage ich vor, während mein Blick zufrieden über den durchdachten Garten schweift.

"Echt Mum, ich möchte doch nicht sitzen, ich möchte LIEGEN!" mangels akzeptabler Lösungen zeigen sich Sohnemanns Nerven überstrapaziert.

Da für Fußball und Tennis immer ausreichend Kraft- und Energiereserven vorhanden sind, habe ich die wichtige Ausgangsbedingung aus purer Nachlässigkeit nicht berücksichtigt.

Gottseidank, die Pritsche im Schutz von hohen, aber nicht blühenden Stauden, wird als für gut genug befunden. Alsbald begibt sich der Jugendliche in die ersehnte horizontale Lage.

Beim Rasen mähen vor mich hin sinnierend, stelle ich fest, dass das Verhalten meines Zöglings dem Verhalten eines verhätschelten Ehemannes in seinen besten Jahren ähneln könnte. Zumindest lasse sich die eben erlebte Szene in meiner Vorstellung ganz überzeugend übertragen.

Als überzeugte Feministin wirft sich in mir unweigerlich die Frage auf, ob ich in meiner Erziehung in rollenspezifischen Fragen versagt habe oder nicht. Manche Charakterzüge wären sehr wohl auf Gene zurückzuführen und schwer beeinflussbar, rede ich mir ein. Schließlich würden das auch wissenschaftliche Studien in dieser Form belegen.

Als ich die letzten Längen mit meinem ratternden Ungetüm ziehe, betrachte ich meinen -wohl in der Zwischenzeit eingeschlafenen Sohn- aus den Augenwinkeln.

Wie auch immer, wahrscheinlich werde ich einmal nicht umhin kommen, eine zukünftige Schwiegertochter, um ihr Nachsehen bitten zu müssen.

© Elsa_L_May