Es ist einfach nicht dasselbe!

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Es ist einfach nicht dasselbe! | story.one

Samstagabend, vor mir stehen ein Glas meines Lieblingsweins und eine gemischte Platte mit spanischen Köstlichkeiten, vis á vis sitzt eine lieben Freundin und wir unterhalten uns, dazu läuft im Hintergrund wunderbare Musik, die Lust auf Tanzen macht und rundherum fröhliche Menschen, die lachen und reden.

Zumindest bis vor ein paar Wochen.

Um nicht schwermütig zu werden, haben wir beschlossen, wir holen uns diese Abende nach Hause und videotelefonieren einfach. Dann können wir uns unterhalten und genießen den Wein und das Essen gemeinsam.

Damit es auch der richtige Wein ist, haben wir diesen online bestellt (damit wir die kleine Bar, die wir so lieben, zumindest ein bisschen unterstützen). Jamon de Iberico und Chorizo gibt es im Supermarkt, die Crema Catalana wird durch Vanillepudding ersetzt.

Wir vereinbaren eine Uhrzeit und wer anruft. Soweit so gut.

Es ist Samstagabend, 20:00 Uhr. Ich rufe an. Sie meldet sich nicht. Ich warte ein paar Minuten und rufe nochmals an. Sie hebt wieder nicht ab. Um halb 9 probiere ich es ein drittes Mal. Wieder umsonst.

Also lege ich eine CD meines Lieblingssängers ein (ja, er ist Spanier, nein, er heißt nicht Iglesias), schenke mir ein Glas Wein ein und stoße mit mir selbst an.

Um kurz nach 21:00 Uhr meldet sie sich. Sie hat die Zeit vergessen und das Handy auf lautlos gestellt. Nach ein paar Startschwierigkeiten, wie z.B. ein Gespräch in Gang zu bringen, schaffen wir es dann doch, uns gut zu unterhalten. Wir diskutieren, lachen, essen zwischendurch und prosten uns zu. Wir lassen den Besitzer unserer Lieblingsbar hochleben.

Nach zwei Stunden verabschieden wir uns. Ich schaue mich in meinem Wohnzimmer um und denke mir, wie gerne ich jetzt den Weg von der Bar bis zu meiner Wohnung zu Fuß gehen würde. Das gehört auch zu unseren Abenden. Egal, in welcher Verfassung wir sind, wir gehen zumindest die Hälfte unseres Heimwegs zu Fuß. Wir lachen dann immer und diskutieren weiter. Ein lieb gewonnenes Ritual.

Ich stehe auf und gehe ein paar Mal auf und ab. Schließe die Augen und stelle mir vor, welches Haus wir gerade passieren würden, welche Bim an uns vorbeifährt und quietschend vor der Kurve abbremst. Der Blick über den hell erleuchteten Ring.

Dann öffne ich die Augen, schaue auf den Esstisch, auf das halbvolle Glas Wein, das bisschen Schinken und den nicht angerührten Vanillepudding.

Es hat gut getan, sie per Videotelefonie zu sehen und mit ihr zu lachen, aber es ist einfach nicht dasselbe.

© EMB 18.04.2020