Auf und davon

Juni 1982. Ich sitze in meinem Büro und genieße die letzte Arbeitswoche, bevor ich in Karenz gehe. Ende August wird unser Wunschbaby das Licht der Welt erblicken.

Mein Mann holt mich wie jeden Tag, wenn es sein flexibler Vertreterjob erlaubt, von der Arbeit ab. Am 21. Juni, in sieben Tagen, feiern wir unseren zweiten Hochzeitstag. Ich bin gespannt was er sich dieses Jahr für mich überlegt hat.

Voller Vorfreude eile ich zum Parkplatz und freue mich auf meinen Mann. Keiner war vorher gut genug. Ich hatte einfach bei allen etwas auszusetzen, aber er der sechs Jahre jüngere höchst attraktive Vertreter für Haarprodukte musste es sein. Und so freue ich mich auch heute wieder sehr ihn zu sehen. Als ich in das Auto steige stockt mir der Atem. Ein fremder Damenduft steigt mir in die Nase und mir wird kotzübel. Ich könnte mir natürlich einreden, dass der Duft aus einem Frisiersalon stammt oder er eine Besprechung mit mehreren Damen hatte. Insgeheim aber weiß ich: Meine Intuition trügt nicht.

Ich lasse mir nichts anmerken und beschließe erstmal abzuwarten und zu beobachten. In meinem Kopf jedoch spielt sich schon auf der Heimfahrt ein ganz anderer Film ab und 1000 Fragen schwirren durch meinen Kopf. "Was ist, wenn ich alleine mit dem Kind bleibe?"

Fünf Tage und kaum Veränderungen später ist meine letzte Arbeitswoche vor der Karenz zu Ende und auch heute holt er mich ab. Ich freue mich auf ein gemeinsames Essen mit meinem Mann und ein paar Kollegen. Beim Blick aus dem Fenster Richtung Parkplatz vergeht mir die Freude mit einem Schlag. Ich muss einmal, zweimal, dreimal hinsehen.... auf dem Beifahrersitz sitzt eine mir unbekannte dunkle Schönheit. Elegant schwingt sie sich aus dem Auto und stellt sich neben meinen Mann. Ich spüre eine Hand auf meiner Schulter und meine Kollegin flüstert mir zuversichtlich ins Ohr: "Wir gehen jetzt gemeinsam runter und klären das. Es kann auch nur eine Kollegin sein." Ich nicke sanft, spüre aber instinktiv, dass dem nicht so ist.

"Mein Sonnenschein!" Mein Mann begrüßt mich strahlend wie immer, um mir anschließend dreist ins Gesicht zu schmettern: "Das ist Veronika, meine Freundin." Während ich sie anblicke, merke ich nur noch wie meine Beine schwach werden - schon war ich ohnmächtig. Wie im Film. Nur ist es mein Leben.

Die nächsten Wochen erlebe ich wie in einem Trancezustand. Ich weiß, dass ich für mein Kind stark sein muss. Ich darf dem unschuldigen Zwerg die Existenzangst nicht übertragen! Selbst, wenn ich in diesen Momenten nicht den Hauch einer Ahnung habe wie ich alles schaffen soll.

Vom Gericht haben wir auf Grund der Umstände das Entgegenkommen zu einer Blitzscheidung bekommen und ehe ich mich versehe, sitze ich schon Mitte Juli alleine, schwanger, geschieden und mit Angst erfüllt in unserer Wohnung. Mein Ex-Mann hat sich bereits nach Tirol abgesetzt - mit Veronika, der rassigen Tirolerin... Die Baupläne für unser Haus, welches wir nächstes Jahr bauen wollten, liegen noch bei mir auf dem Tisch.

© Emilia Wahsner