Dorftratsch de luxe

Es gibt diese Momente im Leben in denen man sich fragt wie es weitergehen soll. Aber das Leben schenkt immer wieder die kleinen Lichtblicke, die alles ändern. In meinem Fall war es ein kleines Mädchen mit vielen schwarzen Haaren und einem sehr frechen Blick.

Nachdem mich mein Mann in der Schwangerschaft von heute auf morgen für eine andere verlassen hatte, zog es mir den Boden unter den Füßen weg. Die zwei Monate vor der Geburt meiner Tochter waren ein ständiger Drahtseilakt zwischen Zweifel, Mut finden und Existenzängsten. Immer wieder aufgefangen von Familie und Freunden kam ein Fünkchen Zuversicht, dass alles gut wird. Und es wurde gut. Meine Tochter erblickte das Licht der Welt und plötzlich war klar: wir beide werden das schaffen. Dieses kleine Wunder nahm mir alle meine Ängste und machte mich dennoch verletzlicher denn je.

Nach dem Krankenhaus zu Hause angekommen, genoss ich gleich den ersten Spaziergang, jedoch begleitet von den Argusaugen des halben Dorfs. Erst kamen die bewundernden Blicke in den Wagen, dann folgte meist ein mitleidiger Blick in mein Gesicht und ich spürte wie es allen auf der Zunge lag zu fragen wie ich das denn schaffen wolle.

Natürlich war die Dichte der Alleinerzieherinnen in den 1980ern bei Weitem nicht so hoch, aber ich tröstete mich immer damit, dass es genug Frauen gab und gibt die es schaffen. So auch ich.

Während ich stolz den Wagen vor mir herschob, fühlte ich die beobachtenden Blicke, bevor sie kam! Die Frage aller Fragen zum offensichtlichen Dorftratsch. Eine Nachbarin holte mich auf die Seite und fragte mich ganz frech und direkt, wer denn der Vater des Kindes sei. Schließlich hat mich der Mann meiner besten Freundin Ilse ins Krankenhaus gebracht und das sei doch etwas ungewöhnlich für eine alleinstehende Frau. Wo es doch die Rettung gibt!

Die Wut kochte in mir hoch, aber ich hatte die Kraft nicht mich zu wehren. Ich ging kopfschüttelnd weiter, ohne ein Wort zu sagen. In den eigenen vier Wänden begannen die Tränen zu fließen. In einem so kleinen Ort reicht das Schicksal allein nicht aus, es muss noch Öl ins Feuer gegossen werden. Wieder schossen tausend Fragen durch meinen Kopf. Wie soll sich meine Tochter fühlen, wenn irgendwann mal getuschelt wird, dass der Mann die Mutter verlassen hat, weil ihr Vater jemand anders ist? Wird sie in diesem Kaff je ein normales Leben führen?

Meine Freundin Ilse schaffte es letztlich mir meine Zweifel zu nehmen. Auch sie wurde von den Nachbarn angesprochen, ob denn ihr Mann der Vater sei. Sie nahm das Ganze vom ersten Moment an mit Humor und kann darüber nur aus vollem Herzen lachen und sich für das ganze Dorf freuen, dass sie keine anderen Sorgen haben. "Das ist auch eine Form von Luxus für diese Menschen", meinte sie lachend.

Voller Zuversicht und Mut blickte ich in den Stubenwagen und dachte, dass es die Hauptsache ist, wenn ich mein Bestes für meine Kleine gebe und den Nachbarn und Bewohnern den Luxus gönne keine anderen Sorgen zu haben!

© Emilia Wahsner