Paradies

Offen und weit wie der Sommerhimmel im hellsten Blau die Farbe der Iris. Andeutungen, Versuche von Schritten. Eine halbe Fuß-Länge nach vor mit dem einen, eine Drittel-Fuß-Länge mit dem zweiten, ein Stückchen zur Seite. Die Beine geschlossen. Nahezu statisch. Wieder zurück. Wieder nach vor. Noch einmal und noch einmal. Kaum vom Fleck. Sich zu dieser, dann zu jener Seite etwas wendend. Wie ein verletztes Insekt in dem die Kraft der Natur, des Lebens ein Vorwärts, ein Weiterleben grundlegte. Mit derselben dem Wollen entzogenen Kraft, die ein Herz schlagen, einen Samen keimen, die Sonne um die Erde kreisen lässt. Es geht immer fort. Solange noch ein ausreichender Rest an Energie gegeben.

Die Achse des Körpers ein wenig schräg, vornüber. Geduckt. Eine geduckte Achse, physikalisch nicht lauter. Und doch erkennbar. Geduckt der Erfahrungen des Lebens wegen? Wiewohl der Körper eine Gerade zeigt. Nein, nicht der Hals ist eingezogen, oder der Kopf gebeugt. Gerade vom Scheitel zur Sohle. Sie, sie im gesamten leicht nach vor geneigt. Die Oberarme am Körper. Die Unterarme, die Hände wie in einer Geste des Suchens nach Orientierung, nach Zuwendung, nach Hilfe. Die Hände wie in Erwartung etwas entgegen nehmen zu dürfen leicht geöffnet.

Die Hände – die Finger, abgearbeitet. Grob und derb. Die Kleidung bescheiden, gezeichnet, zeichnend. Nicht ungepflegt im Gesamtbild. Das nicht. Die Haare nicht fettig. Nichts ist zerrissen. Nichts schmutzig.

Keine Bewegung des Kopfes nach links oder rechts. Keine Bewegung im Körper. Eine Frau-gewordenen Achse. Völlig Stumm. „Kann ich Ihnen helfen?“ Sie weicht zurück. Der Ausdruck des Gesichts reine Verzweiflung. Im Blick so viel Schmerz. Und kein Halt. „Brauchen Sie Hilfe?“ Nach dem Erschrecken, dem Zurückweichen, ein vielleicht instinktives Erkennen, dass hier keine Gefahr droht. Der Blick. Der Blick unverwandt. Not. Soviel Not. Der Körper bleibt leblos. Kaum Regung im Gesicht. Nur der Mund öffnet sich leicht. „Es geht Ihnen nicht gut!“ ganz langsam, ganz sanft. Warten. Stille. Der Blick. Sie möchte etwas sagen. Der Mund. Mittlerweile der Fragenden zugewandt. Aus der angedeuteten Flucht ein Hinwenden geworden. Der Blick. Das geöffnete Kiefer. Der stumme sprechende Mund. Eine leichte Bewegung im rechten Arm. Die Hand ein wenig wie wollte sie nach meiner greifen. „Kann ich etwas für Sie tun?“ Die Augen. Ein Leben in diesen Augen. Der Mund formt kaum sichtbar tonlose Worte. Kein Laut. Das ganze Sein hier und jetzt zwischen zwei einander fremden Menschen.

Das ganze Sein. Ich kann es nicht tragen. Ich muss es lassen. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen? – Mein Zug fährt bald. Ich hab nicht viel Zeit.“ – Irgendwie. Irgendwie für ein Leben? Ich ziehe mich heraus. Weit heraus. Sie bleibt. Versinkt.

Offen und weit wie der Sommerhimmel im hellsten Blau die Farbe der Iris.

© emmahermineschiene