#vivaitalia

Winter in Venedig

  • 226
Winter in Venedig | story.one

Leise klopfte es an die Tür unseres Abteils, das Frühstück wurde gebracht - Nachtzug nach Venedig. Der Tag erwachte gerade -es würde ein schöner Wintertag werden. Unsere Schlafkoje war so winzig, dass es einem Hürdenlauf gleichkam sich morgens frisch zu machen. Wir lukten aus unserem Fenster, die Lagune sah man bereits und erste Fischer konnte man beobachten. Möwen zogen ihre Kreise, kreischten in der ansonsten morgendlichen Stille. Pastellfarben begrüßte uns dieser Morgen. Ich war aufgeregt. Als Kind war ich mit meinen Eltern dort. Das Einzige, an das ich mich noch erinnern konnte, war der Gesichtsausdruck meines Vaters, als der Kellner die Rechnung brachte: 2 Cappuccino, 1 Cola, 1 Kugel Eis - fast 500 Schilling. Die ganze Heimfahrt über konnte ich meinen Vater noch murmelnd vor sich hin schimpfen hören - er wusste wohl nicht in welch altehrwürdigen Mauern er sich niederließ. Zielbahnhof erreicht - wir schritten durch die Halle, plötzlich lag die Stadt vor uns - eine prachtvolle Märchenkulisse. Es herrschte geschäftiges Treiben - Boote fuhren beladen mit Ware vorbei, dort und da unterhielt jemand einen morgendlichen Tratsch, gut gekleidete Damen und Herren eilten raschen Schrittes vorbei. Ich konnte mich nicht satt sehen an den Häusern, Palazzi, den großen Möwen und den Menschen, die hier ihrer Arbeit nachkamen - Kräne verrichteten zum Teil ihre Arbeit vom Boot aus, woanders wurde gerade eine Waschmaschine geliefert, wiederum türmten sich unzählige Weihnachtspakete auf einem anderen Boot. Wir fuhren zu unserer Unterkunft - ein alter Palazzo - authentisch, venezianisch. Müde von der Anreise stellten wir unseren Koffer im Zimmer ab - nur wollte er einfach nicht stehenbleiben - er rollte immerzu durchs Zimmer, ja unser Zimmer ging irgendwie bergab, war halt ein bisschen schief. Auch am nächsten Tag beim Frühstück überragte ich am Tisch meinen Ehemann, obwohl ich natürlich im Prinzip der kleinere Mensch von uns beiden war. Unser herrlich charmanter Palazzo hatte einfach eine bevorzugte Seite Richtung Wasser. Wir schlossen ihn von erster Sekunde an ins Herz. In Venedig kamen wir aus dem Staunen nicht heraus - magisch, einzigartig, ein geschichtsträchtiges Juwel mit wunderbaren Menschen, die so richtig an ihren Besuchern interessiert sind, wenn jahreszeitlich nicht gerade die Menschenmasse unterwegs ist. Einen Tag verbrachten wir am Lido, es war kalt, windig, dunkle Wolken türmten sich am Himmel - wir marschierten zügig voran, es war einfach zu klamm, um entspannt zu schlendern. Da kam eine Schar jung gebliebener Italienerinnen aus den aufgeschütteten Dünen hervor - Bikini, Badehaube - sonst nichts. Während wir noch ganz tief eingesunken in unseren Parkas nach Wärme suchten, stürzten sich die Damen in die winterlichen Fluten. Ob dass das Geheimnis ihrer Schönheit war? Einmal Venedig, immer Venedig - wie eine alte, lieb gewonnene Freundin, die man einfach besuchen muss und das am liebsten im Winter.

© EmmiundLeo 13.12.2019

#vivaitalia