Rilkes Silberspiegel

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Rilkes Silberspiegel | story.one

Die längst vergangenen Wiesen und Felder vor mir, waren in gelbes Licht getaucht und dort, wo einst Häuser stehen würden, war, umsäumt von wild wuchernden Büschen, Wasser, grünlich schimmernd. Das Grün wandelte sich, wurde zum bunten Gedanken-Kaleidoskop. Ich sah nach oben, keine Antwort, nur ein Nichts. Der Himmel war ohne Sonne, ohne Mond, ohne Sterne, dunkel. Ich muss zurück, sagte ich lautlos in die unendliche Einsamkeit, nicht wissend, wo zurück war, aber eine unbekannte Macht trieb mich vorwärts. Ohne das Dickicht zu berühren, durchdrang ich es schwerelos und dann beugte ich mich hinab. Blickte ich in Rilkes Silberspiegel? Durch die kleinen Wellen bizarr verzehrt, erkannte ich ein Antlitz. Es lächelte mir entgegen. Doch lächelte ich? Die Wellen legten sich und das Lächeln wuchs und zog mich in das Kaleidoskop.

Ich schlug die Augen auf.

Der Vorhang erhob majestätisch sein zartes Gespinst, gleich der Schwingen eines fragilen weißen Vogels. Es duftete nach Sommernacht. Mein rechter Zeigefinger schmerzte, denn er lag noch immer als Lesezeichen in meiner dicken Enzyklopädie. Ich öffnete sie und auf hochglänzendem Papier präsentierten sich der Reihe nach Portraits, von berühmten Malern gemalt. Kunstwerke, in denen die Modelle der Künstler für immer verewigt, Jahrhunderte überdauert hatten. Erneut wollte ich die Gemälde studieren, um mir jeden Pinselstrich bis in das kleinste Detail einzuprägen. Ein Portrait, das mir vorher nicht aufgefallen war, schob sich in mein Blickfeld.

Von einem dunklen, nach Schwarz tendierenden Hintergrund wandte mir ein, in Schrägansicht wiedergegebenes, Mädchen das Gesicht zu. Der Kopf war etwas geneigt, als ob sie gedankenverloren vor sich hin träumte und doch schien ihr Blick mich aufmerksam zu fixieren. Ein gelbes Tuch, das sich leuchtend vom schwarzen Hintergrund abhob, fiel von der Spitze des Turbans auf ihre Schulter und ließ einen Teil ihres Halses im Schatten liegen. Die strahlende Frische ihres Angesichts und das leichte den Mund umspielende Lächeln faszinierten mich auf eigenartige Weise. Das Mädchenportrait unterschied sich von den anderen Portraits des Künstlers gravierend. Ihr fehlte die charakteristische Physiognomie der damaligen Menschen. Ich konnte mich nicht abwenden von dem Bildnis, das mir immer vertrauter schien.

Plötzlich schob sich mein Traumerlebnis in meine Gedanken und dann sah ich, dass das Lächeln mit jenem übereinstimmte, das ich gesehen hatte.

Dieses bekannte Portrait hat mich damals so fasziniert, dass ich es malen musste und als ich mich tiefer mit dem Künstler des Werkes beschäftigte, gewährte mir Rilke noch feinsinnigere Blicke in den Silberspiegel …

© Engelfeder 18.04.2020