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Die Zeitreise meines Kaugummis

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Die Zeitreise meines Kaugummis | story.one

Als Kind wusste ich nicht, dass angeblich schon die Steinzeitmenschen Birkenpech und Baumharz gekaut haben. Auch wusste ich nicht, dass es viele Jahre später, Rezepte für Naturkaugummi geben würde, weil die übliche Masse meist aus Kunststoffen, Weichmachern und künstlichen Aromastoffen hergestellt wurde/wird. Dass Zucker oft durch Aspartam ersetzt wird, eine Substanz über die man sich lieber informieren sollte, und das Kaugummi eine anregende Wirkung haben soll und man sogar die Kilo zu viel am Körper wegkauen kann, wusste ich auch nicht.

Also … auch wenn ich zeitweise wie eine wiederkäuende Kuh ausgesehen haben musste, so kaute ich munter darauf los, machte riesige Blasen, die dann tatsächlich rund um meinen Mund, bis über die Nase klebten.

Tja … und wie Kinder eben sind, haben sie den Hang zu Experimenten. So ein experimentierfreudiges Wesen war ich auch. Als Kind konnte ich nicht, oder noch nicht, zwinkern. Doch ich wollte auch ein Auge zumachen und das andere offen lassen können, genauso wie mein, immer gut aufgelegter, Onkel. Als meine Übungsversuche ständig scheiterten, nahm ich spontan meinen Kaugummi aus dem Mund und klebte ihn auf ein Auge. Perfekt, ich konnte endlich zwinkern.

Nachdem ich mich begeistert im Spiegel betrachtet hatte, entschied ich, dass ich nun genug gezwinkert hatte. Das Problem war aber, den Klumpen wieder vom Auge zu bekommen. Der Kaugummi ging nämlich nicht mehr ab. Ich hatte zwei Möglichkeiten. Entweder bis zum Nimmerleinstag mit einem Kaugummiknödel am Auge herumrennen, oder meine Mutter informieren. Ich entschied mich schweren Herzens für Letzteres. Sie wurde fast ohnmächtig, als ich ihr mein Gesicht präsentierte.

Während sie ihre mütterliche Litanei predigte, versuchte sie mit einem Tuch, Wasser und danach mit verschiedenen Mitteln, mein Auge zu bearbeiten. Dass diese Prozedur nicht sehr angenehm war, versteht sich von selbst. Irgendwann war das Klebeding weg von meinem Auge, dass nun innen wie außen rot war, aber die Wimpern waren noch dran.

Viele Jahre später.

Es war merkwürdig still. Als ich nachsehen ging, war die Badezimmertür verriegelt. Ich rief meinen Sohn, der kurz vor der Einschulung stand. Er machte nicht auf und so holte ich den Entriegelungsschlüssel, öffnete die Tür und da stand mein Sohn, mit einer Hand auf einem Auge, vor mir.

Entsetzt fragte ich ihn was er hat, doch er sagte nichts und begann zu weinen. Mir wurde Angst und Bang und bat ihn, endlich die Hand vom Auge zu nehmen, damit ich sehen konnte, was los war. Als er es tat, war ich entsetzt, aber ich musste auch lachen. Mein Lachen bewegte meinen Sohn wenigstens zum Weinen aufzuhören.

Er hatte genau dasselbe mit seinem Kaugummi gemacht, wie ich, vor hundert Jahren - aus dem selben Grund. Zum Glück wusste ich, wie man den Klumpen, ohne einer schmerzlichen Prozedur, entfernen konnte. Sein Auge war nicht rot und die Wimpern blieben auch dran.

Mein Sohn hat nie wieder Kaugummi gekaut … ich übrigens auch nicht.

© Engelfeder 05.04.2020

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