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Morgentau und Lochkartoffel

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Morgentau und Lochkartoffel | story.one

Ich gebe einem neuen Jahr immer einen Titel - 2012 war mein "Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt - Jahr". Woher der Satz stammt? Da muss ich zuvor ein wenig ausholen …

Ich war schon als Kind lesefreudig. In ein Buch eingetaucht, weinte und lachte ich mit den Helden der Geschichten und die ganze reale Welt um mich herum verschwand.

Im Laufe der Jahre ist eine beachtliche Büchersammlung entstanden. In einer meiner Buchschatzkisten mit Aufschrift - Märchen u. Kinder-Jugendbuchliteratur - liegen Andersen, Brüder Grimm, Hauff, Gräfin de Segur, Pamela Lynwood Travers, Charles Dickens, Jonathan Swift, Robb White, Charlotte Brontë, Mark Twain, Frances Burnett, Jules Verne, Märchen/Sagen um 1890 erschienen … und mein Buch mit rotem Leineneinband, welches von Pippilotta Viktualia Rullgardina Krusmynta Efraimsdotter Långstrump - dies ist der original schwedische Name - erzählt. Einer meiner Lieblingsbücher aus Kindertagen.

Ich zog imaginär nach Schweden auf die Insel Gotland und mit Pippi in die Villa Kunterbunt, saß mit ihr auf ihrem Pferd, trieb mit Herrn Nilsson Schabernack, kletterte in den hohlen Baum, aß mit ihr Pfefferkuchen, rechnete Plutimikationen und weinte, als sie an Bord ging. Selbstverständlich schlief ich einmal verkehrt im Bett, denn laut Pippi schlief man so in Guatemala - sie hielt es für die einzige richtige Art zu schlafen. Ich beneidete sie ein wenig, weil sie tun konnte was sie wollte und wenn sie so etwas wie: „Warum ich rückwärts gegangen bin? Leben wir etwa nicht in einem freien Land? Darf man nicht gehen, wie man will?“ sagte, fand ich das schon damals einfach wunderbar. Für die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, geb. in Vimmerby, und auch aus meiner Sichtweise, ist Pippi eine zeitlose Heldin, die überlebte - das Buch gibt es noch immer.

2012 war also mein "Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt - Jahr" - ich zog wieder nach Schweden und verwandelte mich in Pippi Langstrumpf. Ab sofort war 2x3 vier und 3x3 sechs, mein Kissen wanderte zu den Füßen, ich ging rückwärts, wenn mir danach war, mein Metalllesezeichen wurde zum Schrankknopf, meine Glasvase war ein Trinkbecher, die Obstschüssel ein Blumenuntersetzer, ich schnitt Karotten mit der Gartenschere, kreierte ein Lochkartoffelrezept und ein Dessert aus Rosen und Gänseblümchen, legte Weihnachten unter den Teppich und sah mir Bilder mit der Lupe an, um selbst Teil des Bildes zu werden, ich blickte durch das Kaleidoskop meiner Kindheit, setzte meinen Zauberstrohhut auf, nahm jeden Tag drei Tropfen RosenblütenMorgentau, steckte mir Wiesenblumen und Ähren ins Haar, sammelte Marienkäfer, verschenkte Klee und ich zauberte einigen Menschen ein Lächeln auf die Lippen und weil mir das Jahr so gut gefallen hatte, wiederhole ich es regelmäßig und singe dabei:

„Zwei mal drei macht vier, widde widde witt und drei macht neune, ich mach' mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt ...“

P.S.: … und mein Mann? Der jodelt selbstverständlich mit …

© Engelfeder 12.05.2020

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