Ampel orange

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Ampel orange | story.one

„Eltern sollen darauf achten, dass ihre Kinder nicht krank werden.“ Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen, als ich diesen wohl gutgemeinten Aufruf eines Kinderarztes , nicht eines Kabarettisten, gestern in der ZIB 1 hörte. Also ich kenne nur wenige Erziehungsberechtigte, denen die Gesundheit ihres Nachwuchses nicht am Herzen liegt. Eine Schuldirektorin bat schon vor Ausbruch der Pandemie ironisch: "Schicken Sie ihre kranken Kinder nicht zur Probe in die Schule, wir können sie auch nicht heilen!"

Wie eine Ansteckung vermieden werden soll, mit welcher Wunderwaffe sich Viren, Bakterien und sonstige Keime schon im Vorfeld in Schach halten lassen, darüber muss man sich selbst den Kopf zerbrechen. Natürlich sind Babyelefant, Hände waschen und desinfizieren sowie Mundschutz probate Mittel im Kampf gegen Covid-19 und andere leidige Infektionen, stellen aber bei Kleinkindern, die diese Vorsichtsmaßnahmen noch gar nicht verstehen können, keine Option dar. Das Kind meiner Nachbarin hustet seit heute früh leicht, sie ist berufstätig, wann wird es der Kindergarten heimschicken? Geht sich der Spagat zwischen Kind und Beruf aus? Wird der Pflegeurlaub reichen, wie soll das bei alleinerziehenden Müttern oder Vätern funktionieren? Diese können nicht einmal auf so bewährte Ressourcen wie Großeltern zurückgreifen, da diese ja besonders gefährdet sind. Hier lässt sich auch nicht das wenig erprobte Modell „Halbe – Halbe“, nicht nur im Haushalt, auch bei der Kindererziehung bzw. –betreuung anwenden. Auch Nadja Maleh hat in einem ihrer Kabarettprogramme bereits angedacht: “Wer macht meine Hälfte?“

Erschien man in coronafreien Tagen noch verschnupft am Arbeitsplatz, wurde man von den KollegInnnen entweder als Märtyrerin gefeiert oder als unverschämtes Infektionsrisiko für den Rest der Truppe, das besser daheim geblieben wäre, ausgerichtet. Egal, man konnte es niemals allen recht machen. Heutzutage wird man mit Blicken gelyncht, wenn man aufgrund der herumschwirrenden Pollen niest oder gar hustet. Ich habe daraufhin den Bus früher verlassen und bin zu Fuß heimwärts getrabt. Die Zeiten sind vorbei, als man noch gesunde Kinder zu kranken ins Bett steckte, damit man auch so lustige Tupfen wie die von der Cousine bekommt. Nein, ich hatte mich damals trotz der gemeinsam verbrachten Nacht nicht mit Feuchtblattern angesteckt, ich wollte den Ziegenpeter unbedingt als Erwachsene durchleiden. Jetzt jedoch gilt es die Gesundheit der Kinder zu erhalten und nicht zu schwächen. Leider existiert dafür noch kein Patentrezept auf Krankenkasse, denn gerade Kleinkinder müssen und sollen Infektionen durchmachen, um eben ihr Immunsystem zu stärken, Covid-19 selbstverständlich ausgenommen. Bitte, krisengebeutelte Eltern, seid wachsam, aber lasst euch nicht unterkriegen von diesem verdammten Virus und der Politik! Denn die Ampel leuchtet ja schon in vielen Bezirken Österreichs orange und keiner weiß, was zu tun ist…

© Eowyn 16.09.2020