Die erste Erinnerung

  • 117
Die erste Erinnerung | story.one

Ich war immer sehr stolz, dass ich mich sehr weit zurück im eine Kindheit erinnern konnte. Wahrscheinlich ist es gar nicht so besonders. Aber für mich eben schon. Das hat vielleicht den Grund, dass es aus meiner Kindheit - vor dem Schuleintritt - meines Wissens nur ein einziges Foto gibt. Kann sein, dass es bei Verwandten doch noch was gibt. Aber ich habe kein anderes. Das war für mich immer schon eine Sache, die ich gerne meinen Eltern vorgehalten habe. Besonders, weil von meiner zwei Jahre älteren Schwester ein ganzes Album angelegt wurde. Typisch Erstgeborene! Und das in der angeblich Patriarchalischen Gesellschaft der Türken. Ich, als erster männlicher Enkel! Aber Egal.

Nun aber der Reihe nach. Meine erste Erinnerung klingt zwar ein wenig beklemmend, fühlt sich jedoch nicht danach an. Ich bin unter vielen Erwachsenen in einem - sagen wir mal Wohnzimmer. Die Vorhänge sind zugezogen. Zusätzlich sind dicke Stoffe an den Fenstern angebracht. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wer da gerade in das Zimmer kommt. Ich glaube, dass es ein Onkel ist. Ganz verwundert schaue ich hoch und lausche auf das Gespräch. Viel mehr ist mir nicht mehr im Bewusstsein aus diesen Augenblicken. Ich weiß auch nicht mehr, was da gesprochen wurde genau. Was sich mir eingeprägt hat, ist ein Gefühl, als ob es sich um eine Art Versteckspiel gehandelt hätte. Damit verbunden fühle ich - wenn die Erinnerung daran lebendig wird - auch dieses freudige Grinsen. Einen Gesichtsausdruck den Kinder gerne aufsetzen, wenn es spannend wird und sie in freudiger Erwartung dessen was nun passieren wird. Ja, und da ist es wieder, auch jetzt das Grinsen!

Es ist 1974 in Istanbul. Der 20 Juli. Die türkischen Truppen landen im norden Zyperns. Da anscheinend Angriffe der Griechischen Luftwaffe als möglich erachtet werden, wurde auch in Istanbul "Verdunkelung" angeordnet. Wir sind zuhause mit meinen Eltern und mein Großvater und meine Großmutter sind bei uns. Wie nach jedem Abendessen gibt es natürlich auch an diesem Abend Tee. Natürlich nicht gleich nach dem Abendessen. Zuerst setzt man sich vom Esstisch weg. Alles wird weggeräumt. Irgendwann kommt dann der Tee. Und manchmal kommt eben da noch Besuch zum Tee. Nach dem Abendessen. Auch am Tag der Invasion, der Verdunkelung.

Ich habe mir nie versucht einzureden, dass die Zusammenkunft wegen mir sein müsste. Schließlich hatte ich ja Geburtstag! Das hatte ich natürlich erst viele Jahre später erfahren. Aber so war es dann auch meist mit meinen Geburtstagen. Entweder saßen wir im Auto auf der Fahrt in die Türkei oder es wurde sonst ohne einen Grund, der nachträglich als Ausrede herhalten konnte, vergessen. Türken halten wohl nicht viel von Geburtstagen war mein Resümee. Leider sah es in Österreich ein wenig anders aus! Stelle sich mal vor, die größte Herausforderung bei der Integration sollte sich nicht die Sprache oder Religion herausstellen, sondern die Geburtstage!

© ErdalAssos 12.06.2019