Zwischen den Stühlen

  • 122
Zwischen den Stühlen | story.one

"Da bin I her, da g'hör' I hin"* - ist ein Textausschnitt von Österreichs inoffizieller Hymne. Der Wunsch, einer Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft ist, glaube ich so eines der Elementarsten. Zumindest hat es mich als eine art Mangel über Jahrzehnte begleitet. Eine Zerrissenheit als gelebte Gegenthese zur Textpassage aus dem Lied: "Da bin I her, da g'hör' I irgend wie nicht hin..." Immer wieder die Versuche, doch den Dogmen der einen oder anderen sozialen Umgebung zu entsprechen und immer wieder Resignation, das Gefühl der Einsamkeit. Ich bin mir heute nicht mehr sicher, ob es wirklich daran lag, dass ich nicht in der Lage war, eines der Lager zu entsprechen, in denen ich mich befand. Wahrscheinlich war es mehr die innere Abneigung gegenüber dem - entweder/oder.

Natürlich ist eine mögliche Sichtweise darauf, das Beste aus beiden Welten erleben zu können. Was ich nicht so annehmen kann. Was ist denn das Beste? Dies ist wahrscheinlich bereits eine sehr individuell Betrachtung und wieder mit entweder/oder hinterlegt. Es gibt wohl kein Licht ohne Schatten.

Heute erlebt Ausgrenzung wieder ein Comeback. Hier spiegelt sich für mich der absurdeste Zugang zum Entweder/Oder ab. Wer von uns ist denn wirklich in der Lage, einen Stein gegen Menschen zu werfen, einer andere Religion, Nationalität, politischer Anschauung, sexuelle Orientierung oder mit sonst einer subjektiven Unterscheidung , ohne dabei auch jemanden aus der eigenen Familie oder Freundeskreis zu treffen? Einen der Menschen zu treffen, die man ja meist beschützen möchte.

Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. ohne deren Dogmen zu übernehmen ist sicher eine sehr große Herausforderung. Schon in der Familie ist dies für viele erst nach vielen Jahren möglich. Noch schwieriger war es für mich, meine Söhne vor meinen Ängsten und Unzulänglichkeiten (was Dogmen im Grunde für mich sind) zu bewahren, damit sie weniger vorbelasteter das Leben angehen können. Wo ist hier die Grenze zwischen Geborgenheit zu geben und eine Konditionierung so gering als möglich zu halten?

Ich war die ganzen Jahre überzeugt, dass es wichtig ist, Wurzeln und eine kulturelle Heimat zu haben, eben wo dazuzugehören. Dass Menschen ohne Wurzeln, wie Bäume sich nicht entwickeln können. Aber Menschen sind keine Bäume. Die Bindung zu den Menschen, die uns wichtig sind, die Werte für die wir einstehen und das Gefühl der Geborgenheit brauchen keine kulturelle/dogmatische Erzählung. Kein entweder/oder.

Die Welt rück immer näher zusammen und die Verhältnismäßigkeit unserer Handlungen und Gedanken, in Anbetracht unser Situation ist ja oft zumindest Grotesk. In Wahrheit sitze ich nicht zwischen zwei Stühlen. Ich sitze mit Milliarden anderen Menschen auf einem Sandkorn, der, mit für mich unvorstellbarer Geschwindigkeit durch eine für mich unvorstellbare Leere rast... und genau "...da bin I her,..."

*(Reinhard Fendrich - I Am From Austria)

© ErdalAssos 23.06.2019