Explosion am Bahnhof

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Hektik pur. Mama ist total nervös. Sie hat sich in Schale geworfen und auch ich bekomme ein öffentlichkeitstaugliches Outfit verpasst. Der jährliche Kontrollbesuch beim Augenarzt steht an. Kein leichtes Unterfangen, wenn man auf einem entlegenen Bauernhof lebt und eine Anreise per Auto nicht möglich ist, weil Mama keinen Führerschein besitzt. Nach längerem Fußmarsch erreichen wir den Bahnhof. Meine Mutter kauft die Fahrkarten am Schalter ("eine Ganze und eine Halbe") und fragt nach, wann der Zug abfährt. Nach kurzer Wartezeit auf dem zugigen Bahnhofsvorplatz fährt ein Zug ein. Mamaˋs Nervosität erreicht ihren Höhepunkt, sie springt von der Bank auf, packt mich an der Hand, steuert einen aus dem Zug steigenden Schaffner an und fragt auch diesen nochmal, wo denn dieser Zug hinfährt? Ja, es ist "unser Zug", erleichtert steigen wir ein und die Reise geht los.

Die Fahrt verläuft entspannt, bis wir dem Zielort näher kommen. Schon zwei Stationen vor dem Zielbahnhof scheucht mich Mama zur Waggontüre, damit wir den Ausstieg ja nicht verpassen und schließlich erreichen wir unser erstes Ziel. Schnell raus aus dem Zug, wir hasten auf den Bahnhofsvorplatz, Mamaˋs Augen suchen nach einem Fahrplan an der Wand und mit Hilfe eines Passanten findet sich auf dem großen gelben Plakat die Abfahrtszeit eines Postbusses, welcher uns in den kleinen Nebenort bringt, wo mein Augenarzt niedergelassen ist. Nach langer Wartezeit in der Ordination lasse ich die Augenuntersuchung über mich ergehen und wieder beginnt das alte Spiel: Fahrplan suchen, Passanten fragen, Bus einsteigen, Busfahrer fragen... Letzten Endes erreichen wir wieder das Zentrum. Beim Optiker wird meine Brille bestellt, Mama kauft noch einen neuen, stattlichen, grünen Wecker und ein paar Lebensmittel. Bald stehen wir wieder vorm Bahnschalter. "Eine Ganze und eine Halbe", "wann fährt der Zug ab?", "auf welchem Bahngleis kommt der Zug?", ..... das alte Spiel. Schließlich lassen wir uns auf einer der kalten Bahnhofsbänke nieder. Der Platz ist voller Menschen, hektisches Treiben, lautes Stimmengewirr umgibt uns, ich habe meine Freude daran, das bunte Treiben zu beobachten. Und in die sich langsam in mir ausbreitende Ruhe platzt wie eine laute Bombe direkt zwischen Mama und mir aus heiterem Himmel ein schrilles, lautes, nicht endenwollendes Klingeln, das uns beide augenblicklich in die Höhe schnellen lässt. Der Wecker!!! Mama reißt die Tasche auf und sucht hektisch nach dem gräßlichen Ding, doch vergeblich. Irgendwo unter den Einkäufen muss es doch sein, aber in der Aufregung ist es nicht zu finden. Gefühlte tausend Augenpaare starren uns fragend an. Mama packt mich am Arm und zerrt mich im Laufschritt Richtung Toilette, vorbei an verdutzt schauenden und lachenden Leuten. Der Wecker schrillt unbeeindruckt weiter und als wir endlich die schützenden Räume des Bahnhofsklos erstürmen, verstummt der böse grüne Übeltäter in Mamas Tasche. Ach du stilles Örtchen!

© Erdentochter