Wieviel Technik darf es sein?

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Wieviel Technik darf es sein? | story.one

Technik da, Technik dort, überall Technik. Was macht Mensch, wenn die Technik einmal ausfällt? Aha, Technik ist zuverlässiger als der Mensch? Darum sinnt man über selbstfahrende Busse nach. Es wird nicht lange dauern, werden automatische Eisenbahnen in Betracht gezogen, die keinen Lokomotivführer mehr brauchen. Technik ist ja schliesslich perfekt, oder?

Was ist mit den Supermärkten, die immer mehr "Selfscanning" Kassen einführen? Was geschieht in naher und mittlerer Zukunft mit den Arbeitsplätzen der Kassiererinnen? Eingelullt im Nebel der fast unbeschränkten Möglichkeiten der modernen Techniken, geraten solche Fragen immer stärker in den Hintergrund. Ja sogar noch mehr, solche Fragen zu stellen wird von vielen Leuten bereits als hinterwälderisch und altmodisch empfunden. Nicht selten entbrennen um Sinn und Unsinn moderner Technologien regelrechte Diskussionsschlachten und ein Gerangel um die Deutungshoheiten.

Ich habe meine Rechnung mit mir bereits gemacht. Das Motto lautet: "So wenig Technik wie möglich, so viel Technik wie nötig"! Dann kommen bei mir aber rasch weitere Fragen auf. In welchem Ausmass darf Technikzwang auf den freien Bürger, die freie Bürgerin ausgeübt werden? Ausgangspunkt ist die Diskussion um die gelegentliche Abschaffung von Billetschaltern und Billetautomaten der SBB. Als profitorientiertes Unternehmen, besteht für sie natürlich wenig Interesse an einer Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Service public. Für mich als Bürger und notabene Stammkunde des öffentlichen Verkehrs (ich besitze weder einen Fahrausweis noch ein Fahrzeug), hinterfrage ich solche Pläne natürlich kritisch. Man kann entgegnen, es sei weiterhin möglich seine Bahnbillete zu beziehen, mit dem Natel und der entsprechenden App. Aber will ich das? Wer schreibt mit vor, ein Handy zu besitzen und die App der SBB? Was kann man konkret tun, wenn die SBB ihre Drohung wahrmachen? Selbstverständlich könnte ich sagen, "auf meinem Alter betrifft mich das wahrscheinlich nicht mehr, die Jungen sollen sich damit herumschlagen". Aber ich glaube dass einen solche "nach mir die Sintflut" - Haltung, kaum richtig sein kann. Möglicherweise ist die App der SBB erst der Anfang und es geht um etwas höchst Fundamentales, nämlich um unsere Freiheitsrechte, die immer stärker durch wirtschaftliche Interessen eingeschränkt werden und es geht ferner um das Recht, dass letztlich der Kunde zu entscheiden hat und ihm nicht irgendwelche Dinge aufgezwungen werden!

Wie geht es weiter? Wollen wir einfach abwarten, bis wir von der Technik zugedeckt werden, oder wollen wir das Heft in die eigenen Hände nehmen? Jeder kann zumindest einen Teil seines Selbstbestimmungsrechts noch selber ausüben, indem er sein eigenes Handeln hinterfragt und sich überlegt, was brauche ich an Technik wirklich, wo kann ich durchaus analog handeln?

Wer die Technik nicht fürchtet, kann auf weiten Stecken selber bestimmen, wie er sie anwenden will

© Erich Ed. Müller 10.04.2020