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#liebe#krieg#kreativität

Muttis Geheimnis

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Muttis Geheimnis | story.one

Die letzten sechs Wochen ihres Lebens wussten meine Mutter und ich, dass uns nicht mehr viel gemeinsame Zeit bleiben würde. Ich schenkte ihr das Kostbarste, das wir haben: gemeinsame Stunden.

Für jeden Besuch hatte Mutti ein Thema vorbereitet. Einmal zeigte sie mir ihren Schmuck und erzählte mir zu einzelnen Stücken, kleine Geschichten. Während ich immer wieder kurze Einblicke in ihr Leben bekam, gingen mir auch traurige Gedanken durch den Kopf. Eines Tages würde ich diese Schmuckstücke in meinen Händen halten, und Mutti würde nicht daneben sitzen, um mir Geschichten dazu zu erzählen.

Ein anderes Mal lag ein Stoß Briefe auf dem gedeckten Kaffeetisch. Es waren Liebesbriefe meines längst verstorbenen Vaters an sie. Für Mutti unerwartet lag auch ein kleines, gemaltes Bildchen zwischen den Luftpostbögen. Auf meine Frage, ob mein Vater denn auch zeichnen konnte, lächelte sie eigenartig. Es war eine Mischung aus Verlegenheit und einem "Ich-weiß-ich-weiß, was-du-nicht-weißt." Natürlich war meine Neugierde geweckt, und ich wollte unbedingt wissen, was es mit diesem Bildchen auf sich hatte. "Eines Tages, wenn du meinen Schreibtisch räumst, wirst du die Antwort finden. Aber jetzt reden wir nicht drüber." Da ich spürte, dass weiteres Fragen absolut sinnlos war, unterließ ich es und wir beschäftigten uns weiter mit den Briefen.

Nach ihrem Tod fand ich ein handgemachtes Büchlein, das bis heute zu meinen größten Schätzen zählt. Während des Krieges war sie - damals zwanzigjährig - als Balletttänzerin nach Belgien geschickt worden, wo den Soldaten mit den Veranstaltungen ein bisschen Abwechslung geboten wurde. Mutti fand dort ihre - wohl erste - große Liebe.

Wer einen Piloten in Kriegsuniform sieht, denkt wohl, dass das ein harter Bursch sein muss, und doch zeigt mir dieses Büchlein, dass auch hinter Soldaten ein warmes Herz schlagen kann. Auf Karton wurde mit einer offenbar fast kaputten Schreibmaschine jeder Tag dieser Liebe minutiös festgehalten. Die Texte waren sogar mit Fotos, Zeichnungen und diversen anderen Erinnerungen ergänzt. Man stellt sich ja kaum je vor, wie die eigene Mutter als junge Frau lebte, liebte, fühlte und handelte. Ich lernte beim Lesen ganz andere Seiten meiner Mutter kennen und das ist ein wunderbares Geschenk. Ich bekam auch einen Einblick in das alltägliche Leben an der Front. Eine Schilderung, die man wohl im Geschichtsunterricht nicht bekommen kann. Das Buch endet mit einem sehr traurigen Eintrag: Mutti hatte seinen Heiratsantrag abgelehnt.

Neben dem Büchlein lag auch ein Brief, den meine Mutter ein Jahr später an Pit geschrieben hat. Er ist voller Liebe und Sehnsucht. Die teilweise verwischte Schrift lässt auf Tränen schließen. Offenbar hat sie diese Zeilen jedoch nie abgeschickt.

Meine Versuche, diesen Mann ausfindig zu machen scheiterten leider. Wie gerne hätte ich ihn kennengelernt und ihm gesagt, dass der abgelehnte Heiratsantrag nicht das Ende von Muttis Liebe zu ihm bedeutete.

© Esther M. Djahangiri 2019-06-13

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