Schein und Sein

Wie immer, so fuhr ich auch an diesem Morgen mit meinen Kindern im Auto zur Schule. Dieser Freitag war ein "Fenstertag", was sich verkehrsmäßig sehr angenehm bemerkbar machte.

Vor mir fuhr kein Auto, als ich die Berggasse im neunten Bezirk bergab fuhr. In der Ferne sah ich etwas auf der Fahrbahn. Es bewegte sich. Eine Zeitung? Beim Näherkommen erkannte ich allerdings, dass es sich um eine verletzte Katze handelte! Was Schlimmeres hätte mir nicht passieren können.

Meine beiden Kinder (vier und sieben Jahre alt) saßen ja im Wagen und ich wollte unter keinen Umständen, dass sie das Drama mitbekommen.

Ein Blick in den Rückspiegel zeigte mir, dass ich stehenbleiben konnte, denn weit und breit war kein Auto hinter mir.

Ich stieg aus und fühlte mich total hilflos. Das junge Kätzchen liegenlassen? Keine Option. Es mitnehmen? Auch keine Option. Ein vorbeigehender Fußgänger erkannte mein Dilemma und meinte trocken. "Na, fahren's einfach noch einmal drüber." - Natürlich auch keine Option!

Im Moment höchster Verzweiflung half mir das Schicksal. Ein gelbes Auto hielt hinter mir, zwei junge Menschen stiegen aus, nahmen das Tier und erklärten mir, dass sie es gleich zur Tierklinik in der Nähe bringen werden.

Welch glückliche Fügung!

Ich ließ die beiden vorfahren und startete wieder. "Schon ein Glück, dass die beiden aus dem gelben Auto so hilfsbereit sind!" "Nein, Mama, das war ein weißes Auto."

Soll sein. Mir war nicht nach Diskutieren zumute, doch ich wusste genau, dass es sich um ein gelbes Auto gehandelt hatte.

Am Nachmittag rief ich in der Tierklinik an, denn ich wollte doch wissen, ob die beiden Retter Ausgaben hatten, die ich ihnen natürlich ersetzen würde.

Zum Glück waren noch die "Vor Datenschutz Zeiten", und so gab man mir den Namen und die Adresse des Studenten. Ich machte mich also auf den Weg.

Und was stand vor dem Haus?

Ein Auto, das vorne gelb und hinten weiß war!

Ich hatte den Wagen ja von vorne gesehen. Meine Kinder hingegen hatten nur den hinteren Teil gesehen, als wir überholt wurden.

An diesem Tag habe ich eine Lektion gelernt, die mich mein Leben lang begleitet. Selbst wenn ich überzeugt bin, dass ich Recht habe, und dass die Dinge so sind, wie ich sie sehe, frage ich mich:

Könnte es auch anders sein?

Wie oft haben mir diese fünf Worte sinnlose und meist ja auch nervenaufreibende Diskussionen erspart!

© Esther M. Djahangiri