Aura

Es war ein langer Abend. Man hatte mich zu einem Treffen eingeladen, bei dem ich im Extrazimmer eines Gasthauses, das mitten im Wienerwald gelegen war, einen Vortrag hielt. Die Debatte war freundlich und friedlich, zog sich aber in die Länge. Auch nach dem Abendessen nahmen die Fragen kein Ende, so dass ich dann recht froh war, als mir einer der Teilnehmer anbot, mich mit dem Wagen an den Stadtrand zu bringen. So konnte ich die letzte U-Bahn noch erreichen.

Es war schon deutlich nach Mitternacht. Die Waggons standen hell erleuchtet am Bahnsteig. Ich suchte mir einen aus, in dem noch keine Menschen saßen und setzte mich auf meinen Lieblingsplatz: ganz hinten auf die Vierer-Bank, Mitte links, fußfrei. Keine Stimmen waren zu hören. Ich genoss die Ruhe und bald fuhr der Zug ab.

In der dritten Station stieg dann jemand zu, am anderen Ende des Waggons. Es war eine Frau in einem roten Kleid. Sie blieb kurz stehen, sah mich eine Zeit lang an und kam dann geradewegs sicheren Schritts auf mich zu. Wortlos nahm sie neben mir Platz, auf meiner Vierer-Bank, Mitte rechts. Und da saßen wir dann. Zweimal habe ich kurz zu ihr hinübergesehen, wegen der möglichen Gefahren, die eine Großstadt eben so bietet. Aber es war nichts zu bemerken. Trotzdem hatte ich leichte Ängste. Nach einigen Sekunden Stille und Bewegungslosigkeit wendet sie dann ihren Kopf zu mir, sieht mich mit einem seligen Lächeln lange an und sagt: „Sie haben eine wunderschöne Aura“.

Ich sage nichts und halte den Blick geradeaus. Doch sie, sie sieht mich immer noch an und wiederholt: „Sie haben eine so wunderschöne Aura!“ Ihr Blick ist jetzt auf meine Stirn gerichtet und ruht über meinem Kopf. Mir entkommt nur ein peinliches „Aha“. Nach einer angemessenen Pause hebt sie zum dritten Mal an: „Wirklich, sie haben eine wunderschöne Aura. Sie müssen unbedingt Gedichte schreiben.“ Ich hole tief Luft und antworte ihr: „Ich habe früher viele Gedichte geschrieben. Das ist aber schon lange her.“ - „Sie müssen unbedingt wieder Gedichte schreiben.“ - „Vielleicht werde ich wieder Gedichte schreiben“ - „Schreiben sie wieder Gedichte, fangen sie wieder an. Sie haben eine so wunderschöne Aura!“

Zwei Stationen sind wir gefahren. Dann steht sie auf, schwankt ein bisschen, ich rieche ihre Schnapsfahne und sie rückt ihr Kleid zurecht, das recht knapp sitzt. Die U-Bahn fährt in die Station ein. Sie steigt aus. Ich stehe auf. Die Türen schließen. Der Zug fährt ab. Sie geht zuerst ein wenig mit dem Rücken zu mir den Bahnsteig entlang, dann dreht sie sich um und winkt mir. Wir winken beide, solange es geht. Das war vor 16 Jahren. Gesehen haben wir uns nie wieder. Aber ich habe wieder Gedichte geschrieben.

© Eugenio