Beichte

Wer in einer religiösen Tradition aufwächst, wird mit Ritualen vertraut gemacht, die einerseits den religiösen Ideen geschuldet sind, andererseits aber auch – und das ist ihr eigentlicher Sinn – der persönlichen Entwicklung dienen sollen. Im Idealfall kommt es zu einer prägenden Erfahrung, die einen Erkenntnis- und Reifeprozess nach sich zieht.

Eines der lehrreichsten Rituale war meine erste Beichte, die ich im Alter von sieben Jahren ablegte. Aus ihr ergab sich ein moralisches Dilemma, das mich damals für Wochen gedanklich in Anspruch nahm, das mir, dem kleinen Buben, einiges abverlangte, aber letztlich dazu führte, dass ich gestärkt aus der Situation hervorging und sie tatsächlich meiner Entwicklung dienlich war.

Für den Empfang der Erstkommunion war die Ablegung der Beichte eine notwendige Vorbedingung. Da es für uns alle die erste Beichte war, erklärte man uns ausführlich, was der Sinn der Sache sei und brachte auch viele kindgerechte Beispiele für mögliche Sünden vor. Mir war bald klar, um welchen Vorgang es sich handelte. Mein Problem war nur: Ich hatte keine Sünden, auch bei bestem Willen nicht.

Von Anfang an wurde uns gesagt, dass kein Mensch frei von Sünden sei. Wem also nichts einfalle, der müsse nur gründlicher nachdenken. Also dachte ich nach. Und dann kam mir folgende Erinnerung: Einmal machte ich heimlich die Geldtasche meiner Mutter auf und zog den Diebstahl von 5 Schilling in Erwägung. Ich fand die Idee aber dann doch nicht so gut und machte die Geldtasche rasch wieder zu. Aus dieser Begebenheit ersann ich eine Sünde und sagte bei der Beichte, ich hätte meiner Mutter 5 Schilling aus der Geldbörse gestohlen.

Die Folge war: Mir wurde vergeben und ich wurde zur Buße vor den Altar geschickt, wo ich auf Knien zehn „Vater Unser“ und zehn „Gegrüßet seist Du Maria“ zu beten hatte. Ich begann ordnungsgemäß, hielt aber schon nach dem zweiten Gebet inne. Mir kam eindringlich zu Bewusstsein, doch gar keine Sünde begangen zu haben und zu Unrecht Buße tun zu müssen. Also stand ich auf und ging. Niemand bemerkte den Vorfall, außer mein Gewissen.

Nach und nach erkannte ich, was eigentlich geschehen war. Ich erwog sogar kurzfristig die Beichte zu wiederholen, da ich ja im Zuge des Beichtvorgangs gelogen hatte. Doch ich blieb standhaft, weil ich mich im Recht fühlte: Es war mein Recht, die Buße zu verweigern, denn ich wurde zum Beichten genötigt, obwohl ich ohne Sünden war. Gar nichts zu beichten war unmöglich. Deshalb hatte ich letztlich richtig gehandelt (zumindest für einen Siebenjährigen). Das Dilemma zu erkennen, war damals eine große Aufgabe und hat dazu beigetragen, mich zu einem selbstbewussten, aber nachdenklichen Menschen zu machen.

© Eugenio