Der Einsiedler

Noch vor dem Morgengrauen fuhren wir los, ins Dreiländereck von Österreich, Tschechien und der Slovakei, in die Au, in der March und Thaja zusammenfließen. Alles war dicht verwachsen. Die Brennesseln standen meterhoch an den Böschungen, so dass wir den Fluss kaum sehen konnten. Bald war klar, dass wir ohne Machete keine Chance hatten. Auch nach zwei Stunden hatten wir noch immer keinen Platz zum Angeln gefunden. Aber dann roch es plötzlich nach Kaffee.

Vor uns lag eine säuberlich gemähte Wiese, die einen wunderbaren Blick auf den Fluss freigab. Hoch oben auf Stelzen stand eine alte Fischerhütte, von der aus ein riesiges Netz über den halben Fluss gespannt war; kein Baum und Buschwerk weit und breit, der ideale Angelplatz.

Als wir die knorrigen Holzstiegen betraten, ging gleich die Türe auf. Der alte Mann lächelte, als er die verschwitzten Burschen mit ihren vollgepackten Rucksäcken sah. „Lasst sie stehen und kommt rein“, sagte er, und mit Blick auf seine Unterhosen: „Wenn man da draußen lebt, wird einem einiges egal“.

In der Hütte war es recht finster, aber gemütlich. Auf dem kleinen gusseisernen Ofen brodelte die Wasserkanne und wir tranken frischgebrauten Kaffee, eine große Tasse, und bald noch eine. Die Wände waren voll mit Büchern, vielleicht an die vier- fünfhundert, alle über heimische Pflanzen und Tiere, meinte er. Seit etlichen Jahren wohne er schon hier. Auch im Winter? Ja, auch im Winter. Holz gebe es in der Au ja genug, mehr als er jemals verheizen könne. Das müsse er nur aufsammeln und unter seiner Hütte lagern. Mit dem Fahrrad fahre er einmal in der Woche in den Ort, vor allem für Brot, Zucker und Kaffee. Obst, Kräuter, Beeren und vor allem viel frischen Fisch, das bekomme er alles aus dem Wald und vom Fluss.

Und dann kamen sie, die Geschichten, wie er bei Hochwasser über Wochen hinweg nur mit dem Boot ins Dorf fahren konnte, wie er hunderte Karpfen nach dem Hochwasser aus den Senken im Wald gerettet, wie ihn der riesige Hecht, der sich in seinem Daubelnetz verfangen hatte, in den Arm gebissen hat. Die Zeit verging wie im Flug. Gemeinsam verzehrten wir unsere Dauerwurst und ein großes Glas mit Gurken. Er kochte weiterhin Kaffee, sodass uns schon schwindlig wurde. Am späten Nachmittag warfen wir dann noch unsere Angeln aus. Campieren durften wir auf seinem Grundstück.

Die Nacht war mondhell, kalt und feucht. Im Halbschlaf sah ich ein dampfendes Wildschwein, das mir Albträume bescherte. Das erste, was ich in der Früh zu Gesicht bekam, war der wunderliche alte Mann. In seiner Hand hielt eine schwarzen Kette, an der eine ungewöhnlich große Barbe hing, goldglänzend und wunderschön. „Die ist für euch, habt´s ja nichts gefangen“. Noch selten hatte ich einen so prächtigen Fisch gesehen.

Die Heimfahrt war ruhig und verträumt. „Hast du seine Tätowierungen gesehen?“ „Ja“ „Auch die drei Punkte am Handrücken zwischen Daumen und Zeigefinger?“ „Ja freilich“ „Er verbringt hier seinen Lebensabend ... und er ist glücklich“.

© Eugenio