Der Totengräber

Im Alter von fünf Jahren, als wir bei meinen Großeltern am Land waren, eröffnete ich meiner Mutter, dass ich nun erwachsen sei und schon alleine außer Haus gehen könne. Sie blieb skeptisch und folgte mir in einigem Abstand. Ich ging schnurstracks den Hügel hinunter und bog zielsicher in die dunkle Kellergasse ein, die zum Friedhof führte. Dort sah ich mir die Gräber an, die brennenden Kerzen und üppigen Blumen. Besonders angetan hatten es mir die rot gemusterten Schusterkäfer, die sich in langen Ketten in der Borke der alten Bäume versteckten.

Und dann sah ich ihn, den buckligen kleinen Mann, wie er umringt von Werkzeug sich an einem Grab zu schaffen machte. So wie es meine Art war, sprach ich ihn an, und er begann freundlich von seiner Arbeit zu erzählen, die mich augenblicklich faszinierte. Ich bat ihn, ihm helfen zu dürfen. Zuerst wollte er meiner Bitte nicht stattgeben, dann aber drückte er mir einen verwelkten Kranz in die Hand und schickte mich damit zum Mistplatz, der sich hinter einer Mauer in einer Ecke befand. Ich kann mich noch gut an die riesige Halde erinnern, wie sie voll von seltsamen Dingen in allen erdenklichen Farben in der Sonne lag. Der kleine Mann lachte, als er meine Begeisterung sah. Eifrig brachte ich auch all die leeren Gießkannen zurück zur Wasserstelle, bis ich meine Mutter sah, die mir vom Friedhofseingang her zuwinkte.

Seltsam, meinte der Totengräber, was habe ein kleiner Bub denn auf dem Friedhof verloren. Meine Mutter konnte ihm keine Antwort geben, doch als er von ihr erfuhr, dass ich der Enkel von Raimund, dem Maler sei, streichelte er mir liebevoll über den Kopf. Mein Großvater hatte den großen Christus, das Prunkstück des barocken Friedhofs vergoldet und die meisten der gußeisernen Tafeln beschriftet, die an den Grabkreuzen befestigt waren. Er und mein Großvater waren Freunde und in der Folge durfte auch ich mich zu seinen Freunden zählen.

Über mehrere Jahre hinweg war ich fast jedes Wochenende, im Sommer bald jeden Tag am Friedhof und half ihm ein, zwei Stunden bei der Arbeit. Er wohnte mit seiner Frau, einer während des Krieges in Österreich gestrandeten Russin, innerhalb des Friedhofs, in einem zauberhaften Häuschen, das über und über mit Rosen bewachsen war. Dort bekam ich beizeiten auch meinen Lohn, meist eine Silbermünze, die er mir herzlich in die Hand drückte. Sein Buckel machte ihm arg zu schaffen und er war froh, dass ich das Gießen übernahm. Gerne erzählte er auch Geschichten, wie etwa die, dass er in einem Bleisarg im Zuge einer Exhumierung die Barthaare des Verstorbenen auf einer Flüssigkeit schwimmen gesehen hat oder die, dass es einmal, vor langer Zeit, bei einem Begräbnis im Sarg geklopft hat und die scheintote Frau dann erst zwei Wochen später tatsächlich verstorben ist.

Er war schon steinalt als ich ihn zum letzten Mal besuchte. Als er mich sah, begann er zu weinen. Nach seinem Tod erfuhr ich, dass sein Sohn bereits in jungen Jahren nach Wien zog und dort als Obdachloser früh verstarb.

© Eugenio