Findelkind

Schon früh habe ich erfahren, dass das Geburtsdatum meines Vaters nur geschätzt werden konnte, dass er nicht wusste, wer seine Eltern waren. Darüber wurde aber nie viel gesprochen. In seltenen Momenten erfuhr ich von ihm ein paar Details. Dass er die ersten zwei Jahre bei Krankenschwestern aufwuchs, in einem Spital, und dann später zu Pflegeeltern aufs Land kam, die ihn mehr wie eine billige Arbeitskraft, denn wie einen Sohn heranzogen. Dass er einen Stiefbruder hatte, vor dem er sich fürchten musste. Dass er den Hasen im Stall das schimmelige Brot weggegessen hat, weil für ihn kaum etwas zu essen übrigblieb. Irgendwann fiel das Wort „Findelkind“. Ich kann mich noch erinnern, wie dieser Begriff mich innerlich in Bewegung brachte und ich mir alles auszumalen begann, wie es wohl gewesen sein mochte, damals. Vielleicht war da ein Körbchen, ausgelegt mit Blättern, darin ein Kind in Windeln, an einem Bach unter einem blühenden Apfelbaum. Später dachte ich, dass die Stadt ihn wohl ausgespuckt hatte, irgendwann in den späten 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Ich dachte auch an meine Großmutter, in welcher Verfassung sie wohl gewesen sein musste, als sie ihren Sohn in einer Schachtel mit warmen Decken auf die Kirchenstiege legte. Das war auch so ein Detail, das mein Vater in dieser Sache einmal erwähnte. Ich fragte ihn öfters, ob er seine Mutter später nie gesucht hätte. Er zuckte nur mit den Achseln und meinte, sie hätte sich auch nicht um ihn gekümmert und so müsse er sich auch nicht darum kümmern, sie zu suchen. Noch später kam mir zu Bewusstsein, dass dies eine gesunde Einstellung war, trotzdem ungewöhnlich. Ich hätte wissen wollen, wer meine Mutter war. Aber was weiß ich, ich bin ja kein Findelkind.

Irgendwann war dann Zeit für mich das Elternhaus zu verlassen und mir eine eigene Wohnung zu suchen. Als Student kam nur etwas Kleines und Einfaches in Frage. Meine Mutter begleitete mich. Aus der ersten Wohnung flogen uns die Tauben entgegen. Die zweite Wohnung war in einem der schönsten Viertel meiner Stadt, im letzten Stock eines uralten Hauses. Als wir die Räume betraten, bot sich eine schöne Aussicht auf einen Glockenturm und ein großes Kirchendach, unter dem schon Beethoven und Schubert musizierten, wie ich heute weiß. Ich war ganz in den Anblick der Wolken am Himmel versunken als meine Mutter einen Zeichenblock aus der Tasche zog und den Kirchturm zu skizzieren begann. Sie schien recht zufrieden zu sein und schmunzelte. Die Wohnung war sehr gut gelegen und noch dazu wirklich billig, damals vor 28 Jahren, als ich einzog. Vor ungefähr 10 Jahren, als mein Vater noch lebte, haben mir meine Eltern dann erzählt, dass mein Vater auf den Stiegen eben dieser Kirche gefunden wurde, dass die Mönche des der Kirche angeschlossenen Klosters ihn vis-a-vis ins Krankenhaus gebracht haben, wo er dann die ersten zwei Jahre verbrachte. Auf eine gewisse Art und Weise war ich zurück an einen Ursprung gelangt, ohne es zu wollen und zu wissen.

© Eugenio