Fritz

Fritz wurde wenige Jahre nach Kriegsende in Wien geboren und wuchs draußen am Stadtrand auf, in einem ruhigen Reihenhaus mit Garten. Er war das dritte von sechs Kindern. Bereits früh zog er die Blicke auf sich, weil er so sanftmütig und geduldig war, aber auch so aufmerksam. Dass er in der Schule nicht mitkam und in die Sonderschule musste, hat alle sehr verwundert. Seine Schwester, die später seine Sachwalterin wurde, berichtet kopfschüttelnd, dass man eine „Sozialstörung“ diagnostizierte, was keiner in der Familie verstehen konnte.

Einen Beruf erlernte Fritz jedenfalls nicht. Ein paar Wochen war er als Hilfsarbeiter im Straßenbau, wurde aber in einer Baugrube verschüttet, so dass er nicht mehr hingehen wollte. Sehr gerne aber ging er ans Mühlwasser angeln, wofür ihm seine Mutter eine Fischerkarte besorgte. Am Wochenende nahm ihn sein Vater mit dem Moped mit zur Donau oder sie verbrachten gemeinsame Zeit im Gasthaus. Dort machte er sich nützlich, leerte Aschenbecher und Mistkübel aus oder fuhr mit dem Gastwirt einkaufen.

Als sein Vater starb - Fritz war 18 Jahre alt - wurde der Gastwirt, der beste Freund seines Vaters, zu seinem besten Freund. Fritz kümmerte sich rührend um dessen Kinder und leerte weiterhin Aschenbecher und Mistkübel aus, so wie er es immer schon getan hatte. Wenn es Veranstaltungen gab, richtete er die Sessel her, rückte die Tische zusammen und machte sich überall nützlich wo er konnte. Zu Mittag holte er sich einen Zwiebelrostbraten oder ein Schnitzel aus der Küche, am Abend gabs für ihn ein bisschen Wein. Meist vor Mitternacht ging er dann schwankend nach Hause und legte sich schlafen. Frauengeschichten gab es keine. Sein Leben lang blieb er in der Obhut seiner Mutter. Doch im Schankraum des Gasthauses wurde er über die Jahrzehnte hinweg zur Legende.

Dass Fritz im Grunde ein Problemkind war, hat niemanden gestört, weil er niemandem Probleme gemacht hat. Im Gegenteil: Er hat geholfen, wo er nur konnte. Jeder im Grätzel kannte ihn und hat ihn auf der Straße gegrüßt. Gerne hat er mit allen geplaudert und sich gefreut, wenn jemand zugehört hat, so wie er seinerseits gut zuhören konnte. Er hat Menschen einfach geschätzt, besonders die Kinder. Erstaunlich ist, so berichtet seine Schwester, dass er immer viel gelesen hat, vor allem botanische Literatur und auch seltene Pflanzen gesammelt hat. Auch soll er recht schlau gewesen sein, sagt seine Schwester augenzwinkernd, doch das hat er sich nicht anmerken lassen.

Fritz hatte das Glück sein Leben lang gesund zu bleiben. Er hatte ein friedliches und unangefochtenes Leben, wurde recht alt und starb ruhig im Kreise der Familie. Bei seinem Begräbnis war das ganze Wirtshaus zur Stelle, auch viele Bekannte und Zaungäste waren dabei. Seine uralte Mutter weinte bitterlich über seiner Urne. Ich war ebenso dabei, weil ich seine Leichenrede hielt.

© Eugenio