Gendarm Greger

Es wird wohl wie in einem Film mit Jacques Tati oder Louis de Funès gewesen sein, damals um 1906 im Weinviertel: Da gab es den dienstbeflissenen, unbeholfenen Gendarmen Greger, der meist mit dem Fahrrad unterwegs war, und etliche schlimme Buben, die ihn ärgerten. Und weil es so lustig anzusehen war, wenn er in Wut geriet, nahmen die Streiche auch kein Ende. Einer dieser Buben war mein Großvater Raimund, der schnellste Läufer in der Schule.

Alles hatte damit begonnen, dass sie dem Gendarmen, wenn er zur Amtshandlung ein Haus betrat, die Luft aus den Reifen ließen, einmal vorne, ein andermal hinten, und dann von einem sicheren Ort aus zusahen, wie er beim Aufpumpen schwitzte. Ein echtes Bravourstück war, als einer der Buben sich im Kirschbaum versteckte und es ihm gelang, Greger in voller Fahrt mit einem Drahthaken die Kappe vom Kopf zu fischen. Die hing dann hoch oben in den Ästen und er musste eine große Holzleiter heranschleppen, um sie wieder zu bekommen.

Nahezu genial war die Idee, ihm einen Ölmützer Quargel unter den Schreibtisch zu nageln, den er lange nicht finden konnte. Dazu kam noch, dass diese Geschichte durch eine Indiskretion des Kammerjägers schnell die Runde machte und ein enormer Lacherfolg wurde. Bei all dem hatte Greger immer auch Raimund im Visier. Doch der konnte laufen wie ein Hase und war im Nu in irgendeinem Keller verschwunden. Schon einmal war der Gendarm bei meinem Urgroßvater vorstellig geworden, worauf es für Raimund Prügel setzte.

Einmal war ihm Greger derart dicht auf den Fersen, dass sich mein Großvater nur mehr mit einem Sprung in einen riesigen Heuhaufen retten konnte, in den er sich vergrub und lange regungslos blieb. Ein andermal ging die Jagd Richtung Bach, hin zum Wehr, wo das Wasser schon recht tief war. Raimund tauchte unten durch und schwamm bis zu den Weiden, die ins Wasser hingen und hinter denen er sich lange versteckt hielt. So konnte er auch sehen, wie Greger mit einer langen Stange im Bach herumstocherte und reuige Selbstgespräche führte. Nach einiger Zeit ging der Gendarm dann zu meinem Urgroßvater und gestand schluchzend seine Tat, dass der Raimund ertrunken sei durch seine Schuld. Der Arme konnte kaum mehr stehen und war völlig am Ende. Mein Urgroßvater blieb gelassen, weil Raimund schon längst zuhause war und hinten im Garten spielte. Doch als er ihn holte und zur Rede stellte, geriet er fürchterlich in Wut und begann ihn schrecklich zu verprügeln.

Greger war sicher sehr erleichtert, dass Raimund noch am Leben war. Doch als er ihn, den Todgeglaubten, so erbärmlich wimmern hörte, begann er wiederum zu weinen und bat meinen Urgroßvater inniglich um Schonung. Der ließ dann auch gleich ab von ihm. So hatten die Streiche ein Ende. Greger war zweifellos ein guter Mensch, das hat dann wohl auch mein Großvater begriffen. Er überlebte dann ohne Verwundung zwei Weltkriege, obwohl er meist an der Front war. Ob ihm das Training mit Greger dabei geholfen hat? Mit Sicherheit!

© Eugenio