Gerechtigkeit

Es war zu jener Zeit, als auf den Straßen die ersten Bankomat-Kassen installiert wurden und die Konsumgesellschaft so richtig in die Gänge kam. Von den Banken erhielt man neue Kontokarten, denen ein geheimer Zahlencode zugeordnet war. Den musste man sich merken, wenn man rund um die Uhr sein Geld beheben wollte. Meine Mutter, die Künstlerin in der Familie, war gleich von Anfang an dabei – und da sie sich den Code nicht merken wollte, schrieb sie ihn auf einen kleinen Zettel und steckte ihn in die Geldbörse, gleich neben ihre neue Karte.

Verwendet hat sie die Karte nie, weil mein Vater, der Finanzminister der Familie, immer genügend Geld in seiner Lade hatte. Das stand selbstverständlich auch ihr zur Verfügung. Und so wurde die Karte schlichtweg vergessen, bis nach etwa einem Jahr der Anruf von der Bank kam. Mein Vater nahm die Botschaft entgegen: Man habe das Konto sperren müssen, weil es mit 60.000 Schilling maximal belastet worden sei. Meine Mutter hätte, so die Bank zu meinem Vater, über mehrere Wochen hinweg täglich den möglichen Maximalbetrag abgehoben, was zu dieser Misere geführt habe. Der Schuldenstand sei zu begleichen.

Rasch wurde klar, dass die Karte nebst dem Zettelchen mit dem Code nicht mehr in der Geldbörse meiner Mutter war und dass sie die Karte auch nicht verloren haben konnte, weil sie niemals benutzt worden war. Demnach war sie möglicherweise gestohlen worden. Meine Mutter weinte und bereute ihren Leichtsinn. Dann ging sie zur Polizei. Der Dieb wurde gesucht und bald gefunden. Mein Vater war erleichtert, denn es war ein für uns sehr hohen Betrag.

Der Dieb war ein Schüler meiner Mutter. Er war gleich geständig und gab zu, die Karte nebst dem Code in einer Pause aus der Geldbörse meiner Mutter entwendet zu haben. Aber er gestand noch weiters, dass er nicht mehr im Besitz des Geldes sei. Er habe mit dem Geld eine Wohnung angemietet und auch gleich eingerichtet, denn seine Freundin sei von ihm schwanger und so wollte er eben für die Familie sorgen. Beide waren minderjährig.

Nach ein paar Monaten wurde meinen Eltern mitgeteilt, dass sie bei der Sache wohl das Nachsehen haben würden. Besagter Schüler sei zwar zweifellos ein Dieb, aber da nach neuer Rechtslage das Mädchen und das Kind geschützt werden müssten, könne der Dieb nicht dazu gezwungen werden das Geld ad hoc zurückzubezahlen. Die Schuld sei freilich nicht beglichen, aber man müsse zuwarten, wie sich die Sache entwickle.

Drei Monate später machte ich meinen Führerschein. Und eines abends dann bäumte sich plötzlich der Gerechtigkeitssinn meines Vaters auf und er sagte: „Wenn dieser Herr Dieb uns ungestraft 60.000 Schilling stehlen kann, dann kaufe ich meinem Sohn um eben diesen Betrag ein Auto.“ Gesagt, getan. Ich bekam einen fast neuen VW-Bus geschenkt. Die Ehre meiner Mutter war gerettet und mein Vater konnte stolz auf sich sein. Die Familienstimmung war wieder bestens.

© Eugenio