Ghost-Catcher

Ihre Stimme war leise und klang dringlich. Sie habe meine Nummer von der Radio-Redaktion bekommen und wolle meine Dienste in Anspruch nehmen. Bezahlen könne sie mich nicht, doch wenn ich an Voodoo interessiert sei, schlage sie einen Austausch vor. Sie wolle von mir lernen, doch ich könnte dies ebenso von ihr. Sie komme aus Afrika und sei ein Ghost-Catcher. Ich sagte spontan zu.

Als wir uns in ihrer Wohnung trafen, spielten am Boden zwei Kinder. Ihr Mann sei auf Reisen, sagte sie, und kochte Kaffee, den stärksten meines Lebens, so dass mir schwindlig wurde. Dann begann sie zu reden. Doch es war schwierig, ihr zu folgen. Es dauerte lange, bis ich begriff, dass sie mich für einen Magier hielt. Ich versuchte ihr zu erklären, was die Aufgaben eines Philosophen seien und wollte schon gehen. Doch sie hielt mich zurück.

Ihr Großvater sei ein angesehener Geistheiler gewesen, zu dessen Begräbnis sechzigtausend Menschen gekommen wären. An seinem Todestag hätten sich seine Fähigkeiten auf sie und ihre Schwester übertragen, was jedoch eine Katastrophe gewesen sei: Zum einen, weil es die Tradition des Landes einer Frau verbiete, diesen Beruf auszuüben, zum anderen, weil ihr Großvater seine Enkelinnen überhaupt nicht darauf vorbereitet habe. Ihre Schwester sei bald danach in den Busch gegangen und schlage sich dort als Schwarzmagierin durchs Leben. Sie selbst sei mit einem Künstler nach Europa gezogen. Doch es gäbe weiterhin ein Problem.

Ihre spät ererbten Fähigkeiten hätten zur Folge, dass sich die Gefühle der krankesten und verdorbensten Seelen auf sie übertragen würden. Fast jedes Mal, wenn sie unterwegs sei, bekomme sie von zufällig Vorübergehenden etwas ab, das dann in ihr verbleibe und nur durch Beten loszuwerden sei. Ihr Großvater habe viele Stunden am Tag beten müssen, um seinen Beruf erfolgreich ausüben zu können. Doch sie könne nicht beten. Und jetzt begriff ich, was sie eigentlich von mir wollte: Ich sollte ihr das Beten lehren.

Da ich sie nicht hängen lassen wollte, versuchten wir es gemeinsam, über mehrere Wochen hinweg, sie muslimisch, ich christlich und irgendwie asiatisch, so wie ich es von meiner Yoga-Ausbildung her kannte. Wir schwitzen, einerseits von ihrem Kaffee, andererseits hatte sie ihre Geister am Hals, ich hingegen die Philosophie, die mir spöttisch über die Schulter sah. Irgendwann gaben wir es auf, weil es nicht fruchtete, trafen uns aber noch mehrmals im Park, wo ihre Kinder spielen und wir uns unterhalten konnten. Einmal gab sie mir eine Probe ihrer Fähigkeiten, nahm mich an beiden Händen und schickte mir einen glühend heißen Wind durch meinen Körper, so dass ich lange nicht reden konnte.

Unser letztes Treffen war bei mir zuhause. Sie fühlte sich sichtlich unwohl und meinte, ich müsse meine Wohnung verlassen, hier hinter dieser Wand sei etwas Schreckliches geschehen. In der Tat war dort vor einem Jahr ein Mord begangen worden. Sie verließ fluchtartig die Wohnung und ich habe sie nie wieder gesehen.

© Eugenio